Vor 90 Jahren gewann Rudolf Caracciola die fünfte Auflage der legendären Mille Miglia mit einem Mercedes-Benz SSKL.

Trotz vieler Maßnahmen das Gewicht des Mercedes zu reduzieren war er gegenüber der scheinbar übermächtigen italienischen Konkurrenz mit 1.352 Kilogramm immer noch ein schwerer Brocken. Umso überraschender war der Sieg auf der 1.635 Kilometer langen Strecke von Brescia nach Rom und zurück.

1000-Meilen-Rennen „Mille Miglia“ mit Start und Ziel in Brescia

1000-Meilen-Rennen „Mille Miglia“ mit Start und Ziel in Brescia

Die Mille Miglia 1931

Die Strecke führt seit dem ersten Rennen 1927 von Brescia über Parma nach Bologna und von dort über den Apennin nach Florenz und Siena bis Rom. Zurück geht es über Perugia und Macerata an die Adria und über Rimini, Bologna und Verona zurück nach Brescia. Für die vielen italienischen Teams ist die Mille ein Heimspiel in punkto Streckenkenntnis und Versorgung.

„Die Strecke war mit Ersatzteillagern geradezu gepflastert“, sagt Rudolf Caracciola im Rückblick, „wir dagegen mussten sparen.“ Rennleiter Alfred Neubauer kann lediglich vier Depots entlang der Strecke aufbieten, um die als Privatteam auftretende Mannschaft Caracciola/Sebastian zu unterstützen.

Mercedes-Benz Typ SSKL auf der Mille Miglia 1931

Mercedes-Benz Typ SSKL auf der Mille Miglia 1931

Der Mercedes-Benz SSKL 1931

Offiziell heißt der Rennsportwagen zu diesem Zeitpunkt noch „SSK Modell 1931“. Die Bezeichnung SSKL („Super-Sport-Kurz-Leicht“) trägt das Fahrzeug erst ab 1932. Es wird als viertes und letztes Modell der legendären S-Reihe in nur vier Exemplaren ausschließlich für den Renneinsatz gebaut.

Mit großem Aufwand gelingt es dem Team um Entwicklungsvorstand Dr. Hans Nibel, den nicht mehr ganz modernen Rennwagen wettbewerbsfähig zu halten. Mit einem dünnwandigeren Rahmen und zahlreichen Bohrungen wird das Leergewicht um 125 Kilogramm auf 1.352 Kilogramm gesenkt.

Auch der Sechszylindermotor mit 7.069 Kubikzentimetern ist gründlich überarbeitet. Mit zugeschaltetem Roots-Kompressor leistet er 221 kW (300 PS). Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 235 km/h.

Mercedes-Benz Typ SSKL (W 06 RS), 1931

Mercedes-Benz Typ SSKL (W 06 RS), 1931

Das Rennen aus der Sicht von Rudolf Caracciola

Am 12. April 1931 um 15:12 Uhr begibt sich das Team Caracciola/Sebastian auf die Strecke. Die Straßen sind eng und führen über unzählige Pässe. Erst gegen Ende des Rennens kann Caracciola über viele Kilometer hinweg mit Vollgas fahren.

„Sechzehn Stunden lang saß ich am Lenkrad, sechzehn Stunden lang donnerten wir längs und quer durch Italien, tasteten uns am Strahlenbündel der Scheinwerfer durch die Nacht, fuhren hinein in das blendende Licht des Frühlingsmorgens, … sechzehn Stunden lang hatte ich im Riesenfeld von mehreren hundert Wagen keine Ahnung, wie ich lag.“

Zur Rückkehr nach Brescia sagt Caracciola: „Im Ziel ist Alfred Neubauer völlig aus dem Häuschen, führte einen völlig verrückten Tanz auf. Was war hier eigentlich los? Ich begriff es zuerst nicht, noch nicht, aber langsam dämmerte es mir: Ich hatte die tausend Meilen gewonnen.“ Hinter ihm folgen 31 Fahrzeuge italienischer Herkunft, bevor es mit einem Graham-Paige auf Platz 32 weitergeht.

Rennleiter Alfred Neubauer und der Sieger Rudolf Caracciola mit Beifahrer Wilhelm Sebastian (in der Mitte)

Rennleiter Alfred Neubauer und der Sieger Rudolf Caracciola mit Beifahrer Wilhelm Sebastian (in der Mitte)

Der Rennfahrer Rudolf Caracciola

Der Werksfahrer von Mercedes-Benz ist der Star der ersten Silberpfeil-Epoche in den 1930er-Jahren. 1935, 1937 und 1938 wird er Grand-Prix-Europameister. Dieser Titel ist vom sportlichen Rang her vergleichbar mit der seit 1950 bestehenden Formel-1-Weltmeisterschaft. Außerdem wird er drei Mal Europa-Bergmeister auf Mercedes-Benz. Caracciola wird am 30. Januar 1901 in Remagen geboren und stirbt am 28. September 1959 im Alter von nur 58 Jahren.

Rudolf Caracciola 1931

Rudolf Caracciola

Die Mille Miglia im Rückblick und heute

Einen Mille-Miglia-Rekord für die Ewigkeit halten Stirling Moss und Denis Jenkinson. Mit ihrem Mercedes-Benz 300 SLR (W 196 S) legen sie die 1.000 Meilen 1955 in 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden zurück. Ihr Durchschnittstempo von 157,65 km/h wird seitdem nicht mehr überboten. 1957 ist das letzte Austragungsjahr der ursprünglichen Mille Miglia als Straßenrennen. Mehrere schwere Unfälle führen zum Stopp.

20 Jahre später erlebt sie als Gleichmäßigkeitsveranstaltung ihre Wiederauferstehung und erfreut sich seitdem größter Beliebtheit bei Teilnehmern wie Publikum. Startberechtigt sind Fahrzeuge, deren Typ bei der ursprünglichen Mille Miglia zwischen 1927 und 1957 teilgenommen hat. Bei der heutigen 1000 Miglia starten meist mehr als 400 historische Fahrzeuge.

Mercedes-Benz Typ SSKL (W 06 RS), 1931

Mercedes-Benz Typ SSKL (W 06 RS), 1931

Dietmar Stanka