Neue Fahrzeugmodelle müssen ab dem 1. April 2018 mit dem automatischen Notruf e-Call ausgerüstet sein. Das System alarmiert die Retter, wenn das Fahrzeug in einen schweren Unfall verwickelt wird. Gebrauchtwagen lassen sich leicht mit der Technik nachrüsten. Und das zu überschaubaren Kosten.

Bei einem Unfall mit Verletzten zählt jede Minute. Denn bei einem Schwerverletzten sinken die Überlebenschancen alle 60 Sekunden statistisch um bis zu zehn Prozent.

Es ist also wichtig, dass die Retter schnell alarmiert werden und exakte Angaben über den Unfallort erhalten. Das ist in vielen Fällen aber nicht gewährleistet. Etwa bei einem Alleinunfall nachts auf einer  wenig befahrenen Landstraße. Oder wenn der Crash so stark war, dass keiner der Fahrer oder Beifahrer in der Lage ist, mit dem Rettungsdienst zu telefonieren – oder die Ruhe hat, eine genaue Standortbeschreibung zu geben. Hier soll e-Call helfen.

e-Call soll jährlich 2500 Menschenleben retten

Würden die Retter nach einem Unfall automatisch alarmiert, ließen sich die Zeiten bis zum Eintreffen am Unfallort nahezu halbieren. Damit ließen sich, so die Schätzungen und Absichtserklärungen der EU-Kommission, jedes Jahr bis zu 2500 Menschenleben auf den Straßen Europas retten. Deshalb hat die EU-Kommission schon vor vier Jahren den obligatorischen Einbau eines automatischen Notrufs in Neuwagen beschlossen. Ab 1. April ist dieses e-Call genannte System in allen neu typgeprüften Fahrzeugmodellen Realität.

Bei Opel zum Beispiel ist diese Technik schon länger im Rahmen des Onstar-Service im Programm, bei BMW gehört sie zu den Connected-Drive-Diensten. Bereits 2012 startete der Mercedes-Benz-Notruf, und mit der Einführung von Mercedes me im September 2014 sind alle Baureihen serienmäßig damit ausgestattet.

Werden bei einem Unfall die Airbags ausgelöst, setzt sich das System automatisch mit der Notrufzentrale in Verbindung. Diese Verbindung erfolgt über eine im Auto verbaute SIM-Karte. Die Notrufzentrale versucht anschließend, mit dem Unfallfahrzeug in Telefonkontakt zu kommen: Um weitere Details zu erfragen, etwa über die Anzahl der Verletzten oder die Schwere von Verletzungen. Gleichzeitig können anhand der genauen Ortsangaben, die das System übermittelt, schon die Retter losgeschickt werden. Somit lassen sich wertvolle Minuten gewinnen. Speziell dann, wenn Fahrer und Beifahrer nicht mehr in der Lage sind, selbst einen Notruf per Telefon abzusetzen oder auf die Fragen der Zentrale zu antworten.

Auch wenn man Zeuge eines Unfalls wird, lässt sich mit e-Call der Notruf effizienter absetzen: Per Knopfdruck kann der Notruf manuell gestartet werden. Auch hier wird der genaue Ort übermittelt und es wird eine Sprechverbindung zur Rettungsleitstelle hergestellt.

Was aber ist mit älteren Fahrzeugen, die die Technik noch nicht an Bord haben? Sie lassen sich nachrüsten, und das auch noch ohne großen Aufwand.

Pace Link One: e-Call und viele Zusatzfunktionen

Eine umfangreiche Lösung bietet das Karlsruher Start-Up PaceTelematics. Das System Pace Link One besteht aus einem Stecker für die On-Board-Diagnosebuchse des Fahrzeugs und einer App für das Smartphone.  Einmal installiert, arbeitet Link One wie ein serienmäßiges e-Call-System. Es wertet also die Crashsensorik des Fahrzeugs aus und verbindet automatisch mit der Rettungszentrale.

Darüber hinaus kann Link One einiges mehr: Es dient auch als finanzamtkonformes elektronisches Fahrtenbuch. Wichtig und komfortabel für alle Dienstwagenbesitzer, die ihren geldwerten Vorteil nicht nach der pauschalen Ein-Prozent-Regelung versteuern wollen, sondern nach dem tatsächlich Anteil der beruflich und privat gefahrenen Kilometer. Darüber hinaus lassen sich mit Pace One alle Leistungsdaten des Autos auswerten von Öltemperatur über Motorauslastung bis Querbeschleunigung. Eine Fehlercode-Analyse hilft bei Fehlermeldungen, ein Spritspar-Trainer animiert zu ökonomischem Fahren. Mit dem Benzinkosten-Tracking lassen sich Tankquittungen archivieren und auswerten, ein Tankstellenfinder zeigt die günstigsten Tankstellen in der Umgebung an, und die Funktion Find my Car führt zurück zum Auto, wenn man sich den letzten Parkplatz nicht so richtig gemerkt hat.

Ein umfangreiches Paket also, das seinen Preis hat: 119 Euro sind dafür fällig, allerdings gibt es keine Folgekosten etwa in Form von monatlichen oder jährlichen Gebühren. Wer sparen will: Bis einschließlich 15. April 2018 bietet PACE einen Rabatt von 15 Prozent bei Bestellung seinesLink One. Diesen Preisnachlass gibt es bei Eingabe des Gutscheincoedes „Sicherheit2018“ im Online-Shop des Anbieters.

Auch die Autoversicherer bieten e-Call an

Wem die Ausgaben von knapp 120 Euro zuviel sind, findet andere Lösungen: Der automatische Notruf lässt sich auch über die Autoversicherung ordern: Unter dem Dach des Spitzenverbands GDV haben die deutschen Autoversicherer zusammen mit Bosch und IBM das System des Unfallmeldedienstes entwickelt. Für eine jährliche Gebühr erhält der Autofahrer einen Stecker, der in den Zigarettenanzünder passt. Damit man die Auflademöglichkeit für sein Telefon nicht verliert, gibt es an der oberen Seite einen USB-Anschluss, um damit das Smartphone laden zu können.

Via Bluetooth ist dieser Unfallmeldestecker mit dem Smartphone des Autofahrers und einer darauf installierten App verbunden. Bei einem Unfall registrieren Crashsensoren im Stecker die Unfallschwere und lösen automatisch Alarm aus. Dabei werden Standortdaten, Uhrzeit und Schwere des Unfalls an die Zentrale übermittelt. Diese versucht daraufhin, über das Mobiltelefon mit dem Fahrer zu sprechen. Gelingt eine solche Sprachverbindung nicht, alarmiert die Zentrale Rettungsdienst und Polizei und übermittelt diesen den genauen Unfallort.

Bei der Huk Coburg nennt sich der Service Unfallmeldedienst. Wer seine Autohaftpflicht bei der Huk abgeschlossen hat, kann den Dienst für neun Euro jährlich dazubuchen.  Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch die Notruf-App der Allianz, die 19,90 Euro im Jahr kostet Auch über die Autoversicherung des ADAC kann der Unfallmeldedienst gebucht werden, hier liegen die Kosten bei 9 Euro im Jahr. Die dazu notwendigen Apps sind über den Apple iTunes Store oder den Google Play Store herunterladbar.

Notruf und Diebstahlwarnung für Motorräder

Ein e-Call-Notrufsystem für Motorräder hat der ostdeutsche Hersteller Digades unter dem Namen dguard entwickelt und wurde dafür mit dem Mobilitätspreis 2017 ausgezeichnet. Mit der Technologie, die neben dem automatischen Notruf bei einem Unfall auch Alarm schlägt, wenn das Motorrad gestohlen wurde, ist das Zittauer Unternehmen ein Vorreiter. Denn für Motorräder gibt es ein gesetzlich vorgeschriebenes Sicherheitssystem wie bei Autos nicht. Mit dguard lassen sich darüber hinaus auch noch gefahrene Touren aufzeichen. Auch hier erfolgt Konfiiguration, Bearbeitung und Übermittlung von Daten über ein Smartphone und die passende App.

Klaus Justen
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Klaus Justen

Journalist bei Textpool
Klaus Justen hat langjährige Erfahrung in der Automobilbranche und in der Konzeption und Produktion von Print- und Onlinemedien. Er war als Leitender Redakteur bei Automagazinen in der Schweiz und Deutschland tätig und ist Autor für Print- und Onlinemagazine. Spezialgebiet sind neben Auto- und Technikthemen Ratgeberbeiträge rund ums Thema Geld und Auto.
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