Begehrlichkeiten sind gut und schön. Hersteller von Super-Sportwagen sind Meister darin, mit begrenzten Stückzahlen die Begierde in die Höhe zu treiben.

Warum sich die dritte Generation des Ford GT genau dort positioniert, entzieht sich unserem Verständnis. Dieser Racer mit 483 kW (655 PS) ist viel zu geil, um bei Sammlern in der Garage zu stehen. Er gehört auf die Straßen dieser Welt, um bewundert und gefahren zu werden.

Unsere kleine Ausfahrt mit dem Ford GT

Eine kleine Ausfahrt war uns Anfang November im Bergischen Land vergönnt. Mit dem einzigen europäischen Exemplar, das Ford in England stationiert hat. Die weit nach oben öffnenden Flügeltüren vereinfachen den Einstieg. Ein bisschen Sportlichkeit macht den Vorgang dennoch eleganter. Was gleichsam für den Ausstieg gilt. Schließlich gilt es einen breiten Schweller zu überwinden und in die Schalensitze zu flutschen.

Das Cockpit ist klar strukturiert, auch Super-Sportwagen können ergonomisch sein. Die Anzeigen sind elektronisch, die Bedienelemente entweder am Lenkrad oder auf der Mittelkonsole. Das tiefe Sitzen muss man mögen, leidenschaftliche SUV-Fahrer die viel Übersicht benötigen, werden an dieser Position vielleicht verzweifeln.

Beim Druck auf den Starterknopf bellt der 3,5-Liter-V6-EcoBoost mit BiTurbo heiser auf. Mit dem Drehknopf am Lenkrad wird die erste Stufe des siebengängiges Ford PowerShift-Doppelkupplungsgetriebe eingelegt. Typischerweise fühlen sich die ersten Kilometer mit dem neuen Ford GT im Ortsbereich von Lindlar und auf den folgenden Landstraßen wie in einem „normalen“ Auto an. Es ist lange vorbei, dass sich Sportwagen dieser Couleur zickig und nahezu unfahrbar anfühlten. Dennoch ist der Ford GT ein reinrassiger Rennwagen mit Straßenzulassung.

Fünf Fahrmodi, „Normal“, „Nässe“, „Sport“, „Track“ und „V-Max“, verändern nicht nur die Bodenfreiheit, sondern auch andere Parameter wie zum Beispiel die Dämpfereinstellung und die Getriebe-Kalibrierung. Im „Normal“-Modus beträgt die Fahrzeughöhe 1.109 Millimeter, im „Sport“-Modus sogar nur 1.063 Millimeter.

Nun wird es laut im Ford GT

Raus aus dem Wohlfühlmodus und ab auf die Autobahn. Die ist salztrocken und fast leer. Wir wechseln von Normal auf Sport und unser knallgelber Ford GT drückt uns gnadenlos in die Sitze. Nun wird es laut im Innenraum, Gespräche sind nicht mehr sinnvoll, allein schon deshalb, weil die Geschwindigkeit jenseits der 300er Marke extrem Konzentration erfordert.

Nur kurz währt das Vergnügen, wir müssen in die Eisen steigen. Die beim Ford GT aus Carbon-Keramik bestehen und mindestens genauso schnell entschleunigen, wie der V6-BiTurbo uns vorhin in Richtung der Höchstgeschwindigkeit von 347 km/h katapultiert hat.

Sensationell das Fahrvergnügen mit dem Rennwagen für die Straße. Und ungemein sicher. Dank der vorderen und hinteren Rahmenstrukturen aus Aluminium und der Sicherheitszelle sowie der Karosserie aus Kohlefaser.

Fantastische Aerodynamik

Mit beweglichen Fahrzeugteilen passt sich die Aerodynamik des Ford GT den Fahrsituationen an. Beispielsweise durch Luftleitelemente, die sich adaptiv auf die Gegebenheiten einstellen und einen Heckspoiler mit variablem Flügel.

Mit einem Luftwiderstands-Beiwert von cW 0,3882 ist der Ford GT für einen Supersportwagen, der auch aerodynamischen Abtrieb für hohe Kurvengeschwindigkeiten entwickeln muss, bemerkenswert windschlüpfig.

Die Begierde

„Die Reaktionen unserer Kunden auf den Ford GT sind unvergleichlich, die Nachfrage dürfte das Angebot um das Siebenfache übersteigen“, erwartet Hermann Salenbauch, Direktor von Ford Performance. „Mit dem Fortsetzen der Ford GT-Produktion für einen begrenzten Zeitraum bewahren wir die Exklusivität des heiß begehrten Supersportwagens und bieten zugleich mehr als jenen 80 Käufern, die dieses High-Performance-Modell in Europa bereits in Empfang nehmen durften, die Chance auf ein einzigartiges Erlebnis.“

 

Die Siege des ersten Ford GT in Le Mans

Dem in Gulf-Farben lackierten Ford GT40 mit der Fahrgestellnummer 1075 gelang ein Coup, der nur ganz wenigen Rennwagen vergönnt ist. Er gewann die berühmten 24 Stunden von Le Mans gleich zwei Mal. 1968 mit den Fahrern Pedro Rodriguez und Lucien Bianchi sowie einem „nur“ 4,9 Liter großen Motor bei einem Rennen, das wegen der Studentenproteste in Paris statt im Juni im September ausgetragen wurde. 1969 in einem der spannendsten Finale dieses Langstreckenklassikers mit Jacky Ickx und Jackie Oliver am Steuer. Beide Male hatte das britische Team von John Wyer den Boliden mit Mittelmotor eingesetzt.

Fazit

Insgesamt sollen bis 2022 weltweit 1.350 Exemplare des Ford GT gefertigt werden. Darunter auch die Ford GT Heritage-Edition, die mit „Gulf“-Lackierung, Kohlefaser-A-Säulen und orangefarbenen Bremssätteln aufwartet. Wir haben uns damit abgefunden, keinen zu bekommen. Bei einem Preis von mindestens 540.000 Euro ist das zu verschmerzen.

Technische Daten

Im Auto360.de Test: Ford GT

Antrieb, Fahrleistungen und Verbrauch

Motor: V6-BiTurbo

Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe PowerShift

Hubraum in ccm: 3.497

Leistung in kW (PS) bei U/min: 483 (655) /6.250

Maximales Drehmoment in Nm bei U/min: 745/5.900

Beschleunigung 0–100 km/h in s: 10,0

Höchstgeschwindigkeit in km/h: 347

Tankinhalt in l: 57,5

Kraftstoffverbrauch kombiniert in l/100 km: 9,7

CO2-Emission kombiniert in g/km: 225

Abmessungen, Gewichte, Bereifung

Länge/Breite/Höhe in mm: 4.779/2.114/1.109

Radstand in mm: 2.710

Leergewicht (inklusive Fahrer) in kg: 1.385

Zulässiges Gesamtgewicht in kg: n.n.

Kofferrauminhalt in l: 11,3

Bereifung: 245/35 R20 vorne, 325/30 R20 hinten Michelin Pilot Sport Cup

Felgen: 8,5 x 20″ vorne, 11,5 x 20″ hinten, geschmiedetes Aluminium

Preis

Listenpreis in Euro inklusive Mehrwertsteuer: 540.000

 

Fotos: Aleksander Perkovic

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka wurde bereits als Kleinkind vom automobilen Virus befallen. Seine ersten journalistischen Sporen verdiente er sich als 15-jähriger. Für die Nordbayerischen Nachrichten berichtete er über Eishockey und Musik-Events in seiner Heimatstadt Pegnitz. Mit 17 nahm er als Beifahrer in Rallyeautos Platz und ein Jahr später wechselte er die Perspektive und fuhr selbst einen heißen Reifen. Im Jahr 2000 wandelte er seine Leidenschaft für Automobile in einen erfüllenden Beruf um. Unter anderem ist er als freier Autor für Grip, Träume Wagen, Autohaus, wiwo.de, ramp und den Finanzenverlag (BÖRSE ONLINE, EURO, Euro am Sonntag) tätig.
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