Routinierte Autofahrer sprechen gerne vom „Popometer“. Das Gefühl für Auto und Straße ist auch gefragt, wenn es darum geht, beim Gebrauchtwagenkauf die Frage zu beantworten: Top oder Flop? Tipps für die Probefahrt.

Nicht gleich losfahren, erst einmal den Innenraum im Stand checken

Erst einmal ein Bild des Fahrzeugs gewinnen. Deshalb im Stand alle Tasten und Funktionen in Ruhe durchprobieren. Spiegel einstellen, Gebläse auf höchste Stufe – scheppert das, riecht die ausströmende Luft muffig? Sitz verstellen, Gurte anschauen (abgewetzte Kanten, Risse?), Kopfstützen anpassen. Springt der Motor leicht an, was sagt der Blick auf die Temperaturanzeige: Wurde der Wagen warm gefahren, damit er besser startet? Fenster herunterkurbeln und horchen, wie sich Motor und Auspuff anhören.

Bei der Probefahrt sitzt der Kaufinteressent selber am Steuer

Prinzipiell zur Probefahrt: Der Interessent sitzt selber am Steuer, die Strecke muss lang genug sein, Kurven und Steigungen sowie ein schlechtes Straßenstück anbieten. Am besten verkehrsarme Straßen ansteuern, um sich ganz aufs Auto konzentrieren und nach Belieben beschleunigen und abbremsen zu können. Selbstverständlich gehört auch ein Stück Landstraße, am besten auch Autobahn zur Probefahrtstrecke, denn bestimmte Mängel zeigen sich erst bei höheren Geschwindigkeiten und Motor-Drehzahlen. Radio und Gebläse ausschalten, um  Geräusche nicht zu überhören. Wichtig auch: Nicht zu intensiv mit dem Verkäufer reden, das lenkt enorm ab.

Bei diesen Hinweisen ist etwas  technisch nicht in Ordnung

Das Getriebe lässt sich nicht leicht und lautlos schalten.

Knackgeräusche bei langsamer Fahrt und dabei voll eingeschlagener Lenkung – das können die Antriebswellen oder Radlager sein.

Der Motor läuft unrund, reagiert nicht spontan aufs Gas oder klingt merkwürdig.

Fahrzeug bleibt beim Bremsen nicht in der Spur. Das lässt sich bei niedrigem Tempo auf einer leeren Nebenstraße testen, dabei Hände nur ganz lose ans Lenkrad. Schleifgeräusche oder leises Wummern deuten auf defekte Bremsscheiben.

Fahrzeug reagiert nicht spontan auf Lenkeinschläge.

Das Lenkrad vibriert, das ist meist erst ab  80 km/h feststellbar.

Das Auto läuft auf ebener Straße nicht exakt geradeaus, auf unebener Fahrbahn springen die Räder oder das Auto versetzt seitlich in Kurven.

Nach der Probefahrt ist der Fahrzeugcheck noch nicht zu Ende

Nach der Fahrt sollte man noch mal in den Motorraum schauen: Riecht es merkwürdig, tropft Öl?

Danach noch einmal ums Auto gehen und alle Details gründlich prüfen. Sind im Bereich der Fenstergummis oder an Reifen Lackspuren zu sehen oder frischer Unterbodenschutz im Radkasten, können das Hinweise auf einen „Blender“ sein, der mit der Sprühpistole für den Verkauf aufgehübscht wurde. An den Kotflügelkanten auf Spuren von (retuschiertem) Rost achten, Türen und Hauben im Gegenlicht anschauen, ob sie Wellen oder Farbschatten aufweisen – was auf reparierte Unfallstellen schließen lässt. Scheinwerfergläser müssen rundum in Ordnung und dicht sein – Kondenswasser im Inneren bringt über kurz oder lang einen teuren Wechsel.

Reifen und Felgen: Stumme Zeugen schlechter Behandlung

Schäden an Felgen oder Reifen geben Hinweise auf Bordsteinrempler, und die können auch die Fahrwerkstechnik in Mitleidenschaft gezogen haben. Ist das Profil gleichmäßig abgefahren? Wenn nicht, ist die Spur verstellt oder der Stoßdämpfer defekt. Winterreifen, die zur Unzeit aufgezogen sind, sollten Fragen nach dem Zustand der Sommerreifen nach sich ziehen. Ein Blick auf die Bremsscheiben sollte möglich sein: Riefen kündigen teure Reparaturen an.

Feuchtigkeit im Kofferraum, Lackspuren im Motorraum?

Muffiger Geruch im Kofferraum signalisiert eindringendes Wasser. Im Motorraum sind Lackspuren extrem verdächtig und deuten auf Unfallschäden. Der Stand von Öl, Bremsflüssigkeit, Kühlwasser sollte geprüft werden. Gummibälge genau anschauen: Risse und Löcher, etwa durch Marderbiss, sind recht gut zu erkennen. Die Folgen kaputter Manschetten können schnell das Konto sprengen. Ölspuren sind verdächtig, ein allzu perfekt geputzter Motorraum kann es aber auch sein.

Klaus Justen
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Klaus Justen

Journalist bei Textpool
Klaus Justen hat langjährige Erfahrung in der Automobilbranche und in der Konzeption und Produktion von Print- und Onlinemedien. Er war als Leitender Redakteur bei Automagazinen in der Schweiz und Deutschland tätig und ist Autor für Print- und Onlinemagazine. Spezialgebiet sind neben Auto- und Technikthemen Ratgeberbeiträge rund ums Thema Geld und Auto.
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