Standort Osnabrück: Cabrio- und Kleinserienkompetenz seit 1901

Stahldach oder „Stoffmütze“? Diese Frage stellte sich Anfang des 20. Jahrhunderts für Wilhelm Karmann nicht, als er Anno 1913 sein erstes Patent anmeldete. Die Erfindung verwandelte seine junge Firma in Osnabrück Jahrzehnte später in ein weltweit agierendes Unternehmen. Diese „Mechanik für das Klappverdeck“ revolutionierte die Cabrio-Fertigung. Zwölf Jahre Erfahrung im Karosseriebau für Kutschen und frühe Automobile lagen da bereits hinter ihm und seinen Mitarbeitern.

Von der Kutsche zum Käfer Cabrio

Mit einem Großauftrag der Adler Werke in Frankfurt am Main avancierten die Osnabrücker seit 1926 zu den Pionieren deutscher Cabriolets. Als Wilhelm Karmann – inzwischen Senior und Junior – kurz nach dem zweiten Weltkrieg eine Liaison mit dem Wolfsburger Volkswagen Werk eingingen, nahte die Geburtsstunde einer bis heute rollenden Legende.

Das Käfer Cabriolet, das von Karmann entwickelt und dann im Auftrag von Volkswagen von 1949 bis 1980 gebaut wurde, ist – wie die geschlossene Version – ein Synonym des deutschen Wirtschaftswunders. Gleichermaßen steht es für den Aufschwung des Hauses Karmann. Bis zum 10. Januar 1980 verließen insgesamt rund 332.000 Käfer mit Stoffdach die Werkshallen. Mit diesem Modell wurde der Ruf als Klappverdeck- und Kleinserien-Spezialist begründet.

Italienischer Chic für Wolfsburg: Karmann Ghia

Der Mythos „Karmann“ sollte sich jedoch mit einem anderen Volkswagen verbinden: „Einer der schönsten Wagen der Welt“. So titelte im September 1955 die „Gute Fahrt – Die Zeitschrift für den VW-Fahrer“. Auch wenn es „nur“ ein sportliches Coupé auf Käfer-Basis war.

Die elegante Linie des Ghia verzauberte Fachpresse und Autofahrer der Wirtschaftswunderzeit. 1953 hatte Wilhelm Karmann jun. Volkswagen Generaldirektor Heinrich Nordhoff den Prototypen des Zweitürers (Typ 14) zum ersten Mal in Georgsmarienhütte präsentiert. Nordhoff war begeistert und beauftragte die Osnabrücker den Wagen bis zur Serienreife zu entwickeln.

Im Frühjahr 1955 lief der erste vom Band. Das sollte bis 1974 so bleiben. Insgesamt wurden 363.000 Fahrzeuge gebaut. Und die Niedersachsen legten nach. Selbstverständlich mit einem Cabriolet. Seit 1957 auf dem Markt, wurden von der offenen Variante bis 1974 weitere 81.000 Fahrzeuge gebaut.

Aber aller italienischer Leichtigkeit der Designer zum Trotz blieb es ein „Käfer im Sportdress“. Stets angetrieben vom aktuell verfügbaren stärksten, luftgekühlten Boxer-Motor aus Wolfsburg, entwickelte sich die Leistung äußerst moderat von 30 PS (1955) bis zu unbeschreiblichen 50 PS aus 1.600 ccm im Jahr 1974.

Karmann Kleinserienkompetenz wächst über Wolfsburg hinaus

Ende der 1960er Jahre vergeben auch andere Hersteller Aufträge nach Osnabrück, besondere Cabrios oder kleinserientaugliche Modelle zu entwickeln. So klopft Karmann mit dem viersitzigen Audi 100 Cabriolet für die Ingolstädter an die Tür der automobilen Oberklasse. Zusammen mit Porsche und Volkswagen entwickelt Karmann den „Volksporsche“ 914/4. Erst in jüngerer Zeit entdeckt man wieder die Reize seines Designs: bauhausartige Schlichtheit, charakteristische Klappscheinwerfer und die klare, horizontale Linienführung am Heck.

Osnabrücker Strandleben

In dieser Zeit wagen auch Strandautos aus Kalifornien – besser bekannt als „Buggy“ – den Sprung über den Atlantik. Auch hier war Karmann seiner Zeit voraus. Inspiriert von dem Erfolg ähnlich konzipierter französischer Modelle für die Strände der Côte d´Azur entwickelten die Osnabrücker bereits 1970 den „Gipsy“.

Eine Kunststoffkarosserie wurde auf die Bodengruppe eines Käfers gesetzt: robust, abwaschbar und ultimativ offen. Produziert wurden jedoch – neben ein paar Prototypen – lediglich Prospekte. Aber nur ein Jahr später nutze Karmann die Idee eines Leserwettbewerbes der Automobilzeitschrift „Gute Fahrt“ und entwickelte auf einem verkürzten Käfer-Fahrgestell den Buggy Karmann GF.

Zunächst nur als Bausatz für rund 3.000 DM angeboten, kommen bis 1977 auch fertig montierte Modelle auf den Markt. Sie sind bis weit in die 1980er Jahre auf den Straßen zu sehen.

Erdbeerkörbchen mit Henkel

1974 präsentiert Volkswagen mit dem Golf den lang ersehnten Käfer-Nachfolger. Damit zeichnet sich auch das Ende des offenen Käfers ab. Karmann entwickelt daher in eigener Initiative ein Cabriolet auf Golf-Basis – noch ohne den später so berühmten „Henkel“ des „Erdbeerkörbchens“.

Bei der Vorstellung des Prototypen 1976 in Wolfsburg stimmt der damalige Volkswagen Entwicklungschef Ernst Fiala sofort der Produktion zu – „Aber nicht ohne Bügel!“. Um auf dem Weltmarkt erfolgreich zu sein, benötigen Cabrios dieser Epoche – wie auch der Porsche 911 Targa – einen entsprechenden „Henkel“.

„Erdbeerkörbchen“ – wegen des „Henkels“ (dem auffälligen Sicherheitsbügel) und der Form der Karosserie bekam der Golf I Cabriolet diesen Spitznamen

Seit der Präsentation 1979 sorgt der von Karmann konstruierte Sicherheitsbügel für erhitzte Diskussionen – aber dem Erfolg setzte er keine Grenzen. Bereits nach zwölf Jahren überholt der Golf mit „Stoffmütze“ seinen Vorgänger als meistgebautes Cabrio der Welt. Es überlebt mit einigen optischen Aufwertungen gleich zwei Golf Generationen und wird bis 1993 insgesamt 388.525 Mal gebaut. Auch der direkte Nachfolger überspringt einen Modellwechsel der geschlossenen Version und rollt noch bis 2001 mit über 200.000 Exemplaren in Osnabrück vom Band.

Der letzte „Karmann“

In den Jahren 2001 bis 2009 ziehen viele Auftraggeber ihre Entwicklungs- und Produktionskapazitäten ab. Das bedeutet das Ende der Eigenständigkeit. Selbst durch den Bau von Mercedes-Benz CLK-Modellen und des Chrysler Crossfire sowie eigener Innovationen – wie beispielsweise modernster Verdeckmechanismen – können die Osnabrücker nicht mehr gegensteuern. Die Liquidität schwindet. Am 23. Juni 2009 verlässt schließlich der letzte echte „Karmann“ die Produktionshallen.

Mit der Gründung der Volkswagen Osnabrück GmbH im Dezember 2009 und der Übernahme der wichtigsten Produktionsmittel bleibt die legendäre Kompetenz der „Karmänner“ im Bereich der Cabriolet- und Kleinserienfertigung erhalten.

Karmann Kompetenz für den Volkswagen Konzern

2011 startet nach zehnjähriger Pause die Produktion eines neuen Golf Cabrio. Fünf Jahre lang ist endlich ein Frischluft-Golf ohne „Henkel“ auf dem Markt.

Auch Porsche verlegte Ende 2012 die Produktion des Cayman an den niedersächsischen Standort und sicherte damit nicht nur Arbeitsplätze. Der agile und leichtfüßige Sportwagen ist bis heute ein Bestseller im Portfolio der Stuttgarter. Insbesondere das heisere Lärmen des Mittelmotors ist ein Stück Nostalgie und erinnert an den 914, jenen Volkswagen Porsche, der ebenfalls bei Karmann gefertigt wurde.

Am 17. April 2014 schließlich begann Volkswagen mit der Fertigung des damaligen technischen Leuchtturmprojektes des Konzerns. Im Gegensatz zur aktuellen Osnabrücker Produktion des Porsche Cayman oder des auslaufenden Tiguan I startete die XL1-Manufaktur von insgesamt 200 Stück nicht in einer Halle mit Fußballplatz-Dimension. Vielmehr ähnelte der Raum dem Atelier von Bugatti in Molsheim.

Wilhelm Karmann hätte sogar diesem Technologieträger eine „Stoffmütze“ verpasst, scherzen einige augenzwinkernd im Werk Osnabrück. Wer weiß. Sicherlich wäre er aber stolz darauf, dass mit dem „offenen“ VW T-Roc in Kürze das erste SUV-Cabriolet der Marke Volkswagen in „seinen“ Osnabrücker Hallen gebaut wird.

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka wurde bereits als Kleinkind vom automobilen Virus befallen. Seine ersten journalistischen Sporen verdiente er sich als 15-jähriger. Für die Nordbayerischen Nachrichten berichtete er über Eishockey und Musik-Events in seiner Heimatstadt Pegnitz. Mit 17 nahm er als Beifahrer in Rallyeautos Platz und ein Jahr später wechselte er die Perspektive und fuhr selbst einen heißen Reifen. Im Jahr 2000 wandelte er seine Leidenschaft für Automobile in einen erfüllenden Beruf um. Unter anderem ist er als freier Autor für Grip, Träume Wagen, Autohaus, wiwo.de, ramp und den Finanzenverlag (BÖRSE ONLINE, EURO, Euro am Sonntag) tätig.
Dietmar Stanka