Packard, Oakland, Kaiser. Kurtis, Edsel, AMC. Duesenberg, Mercury und das Flintmobile.

Die automobile Vergangenheit Nordamerikas hat einen Platz gefunden, der seinesgleichen sucht. Das LeMays America’s Car Museum (ACM) in Tacoma im Bundesstaat Washington an der Westküste der USA. Mehr als 250 Modelle sind zu sehen. Einer besser in Schuss als der andere.

Der Vergleich mit einer Arche sei schon aus rein architektonischer Sicht erlaubt. Über einer Fläche von über 15.000 m² spannt sich ein metallisch glänzendes Dach, das einem Schiffrumpf ähnelt. In Richtung Tacoma und seinem Hafen verschafft den Besuchern des ACM eine riesige Glasfläche einen sensationellen Ausblick.

Dieser wird aber meist von der unglaublichen Vielzahl herausragend gepflegter Automobile abgelenkt. Sie ist aber nur ein Teil der privaten Sammlung der LeMay Familie. Einst von Harold und seiner Ehefrau Nancy begründet, umfasste die Sammlung einst mehr als 3.400 Fahrzeuge und tausende von Artefakten aus der automobilen Welt. Die meisten davon Pkw, dazu noch Motorräder und leichte Nutzfahrzeuge. Diese unglaubliche hohe Zahl einer privaten Sammlung blieb nicht unbemerkt und schaffte 1997 den Sprung in das Guinness Buch der Weltrekorde.

Zweigeteilte Sammlung

Heute ist die Sammlung zweigeteilt und liegt doch nahe beieinander. Das moderne ACM wurde am 2. Juni 2012 eröffnet, der Ursprung der Sammlung befindet sich in der ehemaligen Militärakademie, dem Marymount Event Center, nur ein paar Meilen südlich des LeMays America’s Car Museum .

Unser Blick richtet sich aber in erster Linie auf das ACM, das direkt am Interstate zwischen Tacoma und Seattle liegt. Von der traumhaft am Puget Sound gelegenen Stadt Seattle dauert die Fahrt gerade einmal eine knappe dreiviertel Stunde. Auf halber Strecke passiert man SeaTac, dem gemeinsamen internationalen Flughafen der Region, der täglich von der Lufthansa aus Frankfurt angeflogen wird.

Reich mit Müll

Der Unternehmer in Sachen Abfallwirtschaft Harold E. LeMay kaufte sein Leben lang, er starb 2000 im Alter von 81 Jahren, Automobile nach seinem Motto: “I see it, I like it, I buy it.” Ein weiteres Anliegen war ihm immer die Erinnerung an die historische und technische Entwicklung von Automobilen hochzuhalten.

Für mehr als 50 Jahre veranstaltete er auf seinem Familiensitz in Spanaway im August jeden Jahres eine Autoshow. Dabei ging es ihm in erster Linie um die Zusammenkunft Gleichgesinnter. Liebhabern, die wie er seine Leidenschaft nicht unter dem Aspekt des puren Investments und Profits sehen. Harold kaufte seine Autos immer wegen ihrer Historie, der Kultur und der Ästhetik.

Die Ausstellung im LeMays America’s Car Museum

Zurück in das Vergnügen der Sammlung im ACM. In der Eingangshalle stand bei meinem Besuch an einem sonnigen Herbsttag ein Edsel. Der, so Jeff, der mich im Namen der LeMay Foundation begrüßte, gehört einem privaten Sammler, der ihn heute noch abholen wollte. Ein weiterer Aspekt des Charmes des ACM, denn es sind nicht nur Fahrzeuge der Familie LeMay zu sehen, sondern auch die von anderen Enthusiasten klassischer Automobile.

Was regelmäßig wiederkehrende Besuche nahezu zur Pflicht werden lassen sollte. Permanent wechselnde Sonderausstellungen und damit immer neue Exponate erhöhen den Reiz, das ACM mindestens einmal im Jahr zu besuchen.  Einzutauchen in eine Welt faszinierender Schätze. Allein der Blick nach dem Foyer in die riesige Halle mit der auf der Stirnseite befindlichen Glasfront lässt einen vor Ehrfurcht erstarren.

US-Cars

Locker aufgereiht und dennoch fast militärisch korrekt sind auf der ersten Ebene Fahrzeuge aus der US-Produktion des vergangenen Jahrhunderts zu bewundern. Marken wie Regal, Packard, Oakland und Kaiser. Dazwischen einige Fords und Chevrolets. Chromblitzend und mit Flügeln versehen, die jenseits jeglicher Logik stehen, aber fantastisch aussehen.

Weiter hinten Musclecars wie der Camaro SS und einige Pickups von Chevrolet und Ford. Ich biege nach rechts ab auf einen langen Gang, der in einer leichten Schräge nach unten führt. Vorbei an Custom Coachworks. Automobilen aus einer lange vergessenen Zeit, die mit großer Liebe von Karosseriebauern veredelt wurden.

Angekommen auf Level 3 wende ich mich wieder nach rechts und blicke in eine Halle mit weiteren Fahrzeugen. Sämtlich mit Hinweisschildern bestückt, sodass sich eine genaue Inspektion des LeMays America’s Car Museum über viele Stunden ziehen kann. Am Ende dieser Ebene, in Blickrichtung Tacoma, befindet sich ein Kino, in dem in einer Art Endlosschleife Filme der automobilen Welt gezeigt werden.

Rechts oder links auf die Ebene 2 abbiegen? Es spielt keine Rolle. Denn schließlich liegt der Ausgang auf dem Plaza Level ganz oben. Zudem sind in den Gängen weitere Objekte der Begierde zu bewundern. Unter anderem Fahrzeuge des Indy500-Rennens oder Ferraris, deren Namen eng mit den USA verbunden sind. Unter anderem California, Daytona und Superamerica unterschiedlicher Baujahre.

Motorsport und Raritäten aus Deutschland

Das Level 2 ist nahezu ausschließlich dem Rennsport gewidmet, während man auf der untersten Ebene 1 des LeMays America’s Car Museum sogar ein paar deutschen Automobilen begegnet. Einer BMW Isetta „Knutschkugel“ beispielsweise und einem Volkswagen Karmann Ghia. Außerdem kann man den Mechanikern in der offen angelegten Werkstatt bei der Restaurierung historische Fahrzeuge über die Schulter blicken und mit ihnen fachsimpeln.

Mit weit geöffnetem Blick sollte dann wieder nach oben lustwandelt werden. Vorbei an britischen Fahrzeugen und an Elektromobilen, die ja beileibe keine Erfindung unserer Zeit sind. Zurück geht es durch den obligatorischen Merchandising-Laden und wer nun eine Pause und eine kleine Stärkung braucht, sollte eine weitere Ebene nach oben eilen.

Abschluss in der Cafeteria

Dort erwartet die Besucher eine Cafeteria, die mit ihrem Balkon den Blick auf das Plaza Level auf eine überdimensionale Ebene hebt. Noch einmal einen Blick über die herrliche automobile Welt und durch die die gesamte Front einnehmende Glasfläche hinunter nach Tacoma werfen, bevor man auf dem Parkplatz wieder in seinen schnöden Leihwagen steigt.

Wenn Noah heute eine Arche bauen müsste, würde sie aussehen wie das LeMays American Car Museum. Zugegeben, es fehlen die Tiere. Aber wenn nach vielen Jahrhunderten Archäologen an dieser Stelle graben werden, finden sie die Schätze automobiler Schaffenskraft. Und nur wir haben die Chance, diese heute schon zu bewundern.

Adresse:

LeMays America’s Car Museum

2702 East D Street

Tacoma, WA 98421

Öffnungszeiten: Täglich von 10 – 17 Uhr, außer Thanksgiving, Weihnachten und Neujahr

Eintritt für Erwachsene: 16 US-$

www.americascarmuseum.org

Übernachtungstipp in Seattle

Inn at the Market. Seattle pur und nur einen Katzensprung vom Pike Place Market entfernt. Dieser Markt ist ein kulinarisches Paradies der Spezialitäten aus Seattle und der weiteren Umgebung. Das Hotel Inn at the Market bietet verschiedene Zimmerkategorien und zudem Spezialangebote und Valet Parking. Zudem sind nahezu alle Sehenswürdigkeiten der Stadt am Puget Sound zu Fuß oder mit dem Leihrad erreichbar.

Adresse

86 Pine Street

Seattle, Washington 98101

www.innatthemarket.com

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka wurde bereits als Kleinkind vom automobilen Virus befallen. Seine ersten journalistischen Sporen verdiente er sich als 15-jähriger. Für die Nordbayerischen Nachrichten berichtete er über Eishockey und Musik-Events in seiner Heimatstadt Pegnitz. Mit 17 nahm er als Beifahrer in Rallyeautos Platz und ein Jahr später wechselte er die Perspektive und fuhr selbst einen heißen Reifen. Im Jahr 2000 wandelte er seine Leidenschaft für Automobile in einen erfüllenden Beruf um. Unter anderem ist er als freier Autor für Grip, Träume Wagen, Autohaus, wiwo.de, ramp und den Finanzenverlag (BÖRSE ONLINE, EURO, Euro am Sonntag) tätig.
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