Das Manipulieren eines Tachos ist für einen Profi eine Sache weniger Minuten. Wie man als Gebrauchtwagenkäufer Tachobetrug erkennt und sich vor einem Reinfall schützt.

Tachobetrug: Das Geschäft mit manipulierten Kilometerständen

Der Deal geht minutenschnell, kostet den Autobesitzer je nach Modell 50 Euro oder ein paar Hunderter – und bringt ihm etliche tausend Euro, weil er einen höheren Preis beim Verkauf seines Gebrauchten erzielt oder bei Rückgabe des Leasingfahrzeugs nichts nachzahlen muss. Das Manipulieren von Kilometerständen ist ein milliardenschweres Geschäft, sagt zum Beispiel der ADAC. Jeder dritte Gebrauchtwagen, der in Deutschland den Besitzer wechselt, ist nach Ansicht der Polizei manipuliert. Das wären rund zwei Millionen Gebrauchte jedes Jahr.

Weggezauberte Kilometer: Doppelt teuer für den arglosen Käufer

Ist der Tacho rückwärts gelaufen, kann das für den ahnungslosen Käufer doppelt teuer sein: Erstens zahlt man für ein Auto mit niedriger Laufleistung zum Teil deutlich mehr. Je nach Fahrzeugkategorie bringen wegbetrogene 20.000 Kilometer zwischen rund vier und zehn Prozent Mehrpreis. Wurden sogar dreist 60.000 Kilometer unterschlagen, sind auch schon mal mehr als 25 Prozent Preisaufschlag fällig.

Ins Geld kann der Tachobetrug aber auch gehen, wenn sich der Käufer in Sicherheit wiegt. Dies ist dann der Fall, weil der teure Austausch eines Zahnriemens nach Tachostand noch lange nicht fällig wäre. Wird aber der Zahnriemen überstrapaziert, ist ein kapitaler Motorschaden die wahrscheinliche Folge.

Nicht gutgläubig sein, sondern Fahrleistungen kritisch hinterfragen

Autokäufer sollten daher sehr genau auf alle Details achten. Dazu gehört es als allererstes, die Plausibilität von Fahrleistungen zu hinterfragen. Ein großer Diesel, der in vier Jahren gerade mal auf 50.000 Kilometer gekommen ist, muss nicht manipuliert sein. Aber ausschließen sollte man es nicht. Auch bei stark schwankenden Fahrleistungen sollte man nachhaken. Es mag gute Gründe geben, warum ein Fahrzeug zwei, drei Jahre lang hohe Fahrleistungen hatte, dann aber plötzlich nur noch wenige Kilometer pro Jahr bewegt wurde. Dazu kann es eine plausible Erklärung geben. Aber die sollte der Käufer kritisch prüfen.

Kein Serviceheft? Finger weg

Als erstes ist in einem solchen Fall die Frage nach dem Serviceheft angesagt – das prinzipiell angeschaut werden sollte, auch bei normalen Fahrleistungen.  „Ein Auto mit niedriger, untypischer Fahrleistung, dessen Serviceheft der Verkäufer nicht vorlegen kann – da sollten alle Alarmlampen angehen“, warnt zum Beispiel der TÜV Süd. In einem solchen Fall gibt es eigentlich nur eines: Ende der Verhandlungen. Ohne Serviceheft kein Auto.

Das wissen allerdings auch die Verkäufer solcher manipulierter Autos. Und deshalb gibt es meist ein Serviceheft. Allerdings genau so „optimiert“ wie das Auto selbst. Also mit gefälschtem Serviceheft.

Vergessene Zettel: Manchmal sind auch Betrüger schlampig

Aber es gibt noch ein paar Chancen mehr, Kilometerbetrügern auf die Spur zu kommen. Verräterisch sind nach wie vor Verschleißspuren, die nicht zur niedrigen Laufleistung passen. Dazu zählen abgegriffene Lenkradkränze, abgenutzte Pedalgummis, Schaltknäufe oder verschlissene Fußmatten sowie Türgriffe.

Einen Blick wert ist der Motorraum – gelegentlich wird der Zettel vom jüngsten Ölwechsel vergessen. Wenn der Kilometerstand dort höher ist als auf dem Tacho, braucht es keine weiteren Fragen. Wird der nächste Ölwechsel für 150.000 Kilometer angekündigt, das Auto hat aber angeblich nur 80.000 Kilometer, ist das ein eindeutiger Fingerzeig. Ölwechsel sind in den meisten Fällen spätestens alle 30.000 Kilometer fällig. Auch der Aufkleber im Türholm, der auf Servicearbeiten wie den Wechsel der Bremsflüssigkeit hinweist, kann Kilometermanipualtionen verraten.

Prüfbericht der Hauptuntersuchung und Vorbesitzer als Hinweis

Eine Chance, Ungereimtheiten auf die Spur zu kommen, bieten auch Berichte von den Hauptuntersuchungen. Den jüngsten HU-Bericht braucht man zur Zulassung sowieso, also sollte der Verkäufer diesen Bericht vorlegen können. Auch in Werkstattrechnungen sind die Kilometerstände vermerkt.

Hatte der Wagen mehrere Vorbesitzer, sollte es möglich sein, einen dieser Vorbesitzer anzurufen. Dabei kann man sich nicht nur erkundigen, ob der mit dem Auto zufrieden war, sondern auch mal dezent nachfragen, mit welcher Laufleistung er es verkauft hat. Wenn der Verkäufer die Namen der Vorbesitzer nicht herausrücken will, ist dies ein Indiz, dass etwas nicht stimmt.

Auch ein freundlicher Markenhändler kann weiterhelfen

Hilfreich ist es auch, wenn man einen guten Draht zu einem Markenhändler des betreffenden Fabrikats hat. Die Historie des jeweiligen Fahrzeugs ist in den Datenbanken des Herstellers hinterlegt – von Inspektionen inklusive der jeweiligen Laufleistung angefangen über Unfallreparaturen bis hin zu Garantie- oder Kulanzleistungen. Immer vorausgesetzt, Reparaturen wurden in einem Markenbetrieb vorgenommen. Im Gespräch mit dem freundlichen Händler oder Werkstattchef lässt sich klären, ob die angegebene Kilometerleistung so stimmen kann oder ob es sich möglicherweise auch um ein Montagsauto handelt.

„Tatsächliche Gesamtfahrleistung“ im Vertrag zusichern lassen

Absolute Sicherheit bieten diese Sicherheitsmechanismen nicht, aber sie verringern das Risiko, hereinzufallen. Auf jeden Fall sollte aber, raten Experten, im Kaufvertrag nicht der „abgelesene Tachostand“ als Fahrleistung angegeben werden, sondern die „tatsächliche Gesamtfahrleistung“ schriftlich zugesichert werden. Das verbessert die juristischen Chancen. Wenn’s doch schiefgegangen ist.

 

Foto: Johannes Wiesinger/pixelio.de

Klaus Justen
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Klaus Justen

Journalist bei Textpool
Klaus Justen hat langjährige Erfahrung in der Automobilbranche und in der Konzeption und Produktion von Print- und Onlinemedien. Er war als Leitender Redakteur bei Automagazinen in der Schweiz und Deutschland tätig und ist Autor für Print- und Onlinemagazine. Spezialgebiet sind neben Auto- und Technikthemen Ratgeberbeiträge rund ums Thema Geld und Auto.
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