Mit dem I-Pace wagte sich Jaguar als erster europäischer Premiumhersteller mit einem rein elektrisch angetriebenen Oberklasse-Crossover auf den Markt. Aktuell erhält der I-Pace ein leichtes Facelift. Welche Schwächen da behoben werden, zeigt der Test des 2019er Modells.

Die Entstehungsgeschichte des Jaguar I-Pace ist eine dieser wundersamen Stories aus der Automobilwelt. Nein, keine umfangreichen Marktforschungsstudien und Car Clinics, keine Aufsichtsratsbeschlüsse und Strategieentscheidungen. Sondern ein simples Abendessen von Jaguar-Chef Ralf Speth mit seinem Entwicklungschef Wolfgang Ziebart. Die saßen irgendwann 2014 im im malerischen Shakespeare-Städtchen Stratford im „Lambs“  zusammen und diskutierten das Thema Elektromobilität. Tesla eroberte gerade das Oberklassensegment, während In Europa beim Thema Elektrofahrzeuge weitgehend Funkstille herrschte. Die Entscheidung fiel schnell: Jaguar entwickelt ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug.

Vom Reißbrett auf den Markt in vier Jahren

Binnen vier Jahren entsteht der I-Pace, der 2018 auf den Markt kommt. Denkt man in normalen Entwicklungszyklen der Automobilindustrie, fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die Entwickler schauen sich einige Dinge ab, wie sie zum Beispiel in der Unterhaltungselektronik oder IT üblich sind: Als der Platz, den die Batterien im Chassis des I-Pace einnehmen dürfen, festgelegt wird, passen Batterien mit den angestrebten 90 Kilowattstunden Speicherkapazität definitiv nicht hinein. Aber die Entwicklungsplanung geht davon aus, dass der technische Fortschritt der nächsten Jahre mehr Energiedichte bei gleichem Batterieformat bringen wird. Und in der Tat: der Plan geht auf. Als der I-Pace auf den Markt kommt, hat er 90-kWh-Batterien. Dass die aber für eine Reichweite von fast 500 Kilometern reichen würden, wie ursprünglich angenommen wurde, war dann allerdings etwas optimistisch gedacht. Im Alltag bleibt der sportliche I-Pace unter 400 Kilometern Reichweite. Dazu aber später mehr.

Skateboard-Design mit niedrigem Schwerpunkt

Eine sehr flache Coupé-Linie, ein markant geschnittenes Heck, fließende Formen: Der I-Pace ist ein Hingucker. Ebenfalls effektvoll: Beim Aufsperren fahren die versenkten Türgriffe des I-Pace aus. Die breiten Türausschnitte geben den Weg frei. Der Fahrer und Beifahrer finden sich auf sportlich geschnittenen Sitzen wieder, das Raumgefühl ist ausgezeichnet. Zumindest vorne. Hinten bemerkt man die niedrige Dachline – der I-Pace ist nur 1,57 Meter hoch – ein wenig bei der Kopffreiheit. Dafür ist dank des großzügigen Raumangebots die Beinfreiheit sehr gut.

Hier merkt man, dass es sich beim I-Pace nicht um ein E-Fahrzeug auf Basis eines Verbrenners handelt, sondern eine zielgerichtete E-Entwicklung. Das 600 Kilogramm schwere Batteriepaket ist im Fahrzeugboden untergebracht, das sorgt für einen sehr tiefen Fahrzeugschwerpunkt. Vorne und hinten sitzen die Elektromotoren mit insgesamt 294 kW (400 PS) Leistung, die jeweils eine Achse antreiben. Somit zeigt die schematischen Darstellung die Form eines Skateboards. Der I-Pace hat bei 4,68 Metern Gesamtlänge einen Radstand von 2,99 Metern. Das ergibt ein Raumangebot, wie es ansonsten meist nur eine Klasse weiter oben möglich ist (wenn man die sehr raumeffizienten Modelle von Skoda einmal ausblendet). Der Gepäckraum des I-Pace hat rund 660 Liter.  Neben dem großen Kofferraumabteil im Heck, das wegen der sportlichen Karosserieform eher flach ausfällt, gibt es noch einen Frunk (Front Trunk) unter der vorderen Haube. Hier finden nützliche Dinge wie Ladekabel ihren Platz.

I-Pace: 2,2 Tonnen  sehr agile Tonnen

Der niedrige Schwerpunkt des I-Pace macht ihn zu einem sehr sportlich ausgelegten Fahrer-Auto. Mit einem Gesamtgewicht von 2,2 Tonnen ist er rund 400 Kilogramm leichter als ein Audi E-Tron. Die 400 PS der beiden Elektromotoren, vor allem aber deren ansatzlos zur Verfügung stehenden 696 Newtonmeter Drehmoment, beschleunigen den I-Pace in 4,8 Sekunden von null auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei Tempo 200 abgeregelt.

Wählt man die stärkere der beiden Rekuperationsstufen, lässt sich der I-Pace praktisch nur mit dem rechten Fuß beschleunigen und Bremsen. Geht man voll vom Gas- oder besser Fahrpedal, bremst der I-Pace mit einer Verzögerung, die einem kräftigen Tritt aufs Bremspedal entspricht. Dabei lädt der vordere Elektromotor mit bis zu 150 kW Leistung die Batterie wieder auf. Nach ein wenig Eingewöhnungszeit findet man sehr viel Spaß am One-Pedal-Driving.  Die Bremse wird nur noch in Notfällen gebraucht, ansonsten lässt sich der I-Pace wie ein Autoscooter dirigieren und durch Gaswegnehmen bis zum  Stillstand verzögern.

Alltagsreichweite im Test: knapp 370 Kilometer

Kurven sind das Revier des I-Pace. Er lenkt willig und dazu auch präzise ein, die Lenkung selbst dürfte einen Hauch mehr Rückmeldung bringen. Die Antriebskraft lässt sich in Sekundenbruchteilen dank der beiden Motoren an Vorder- und Hinterachse dort einsetzen, wo sie gebraucht wird, um Vortrieb zu liefern oder das Fahrzeug zu stabilisieren. Der elektrische Brite macht also, um es in einem Satz zu sagen, sehr viel Spaß beim Fahren. Aber selbst wenn man es nicht übertreibt, hat der Antriebsstrang mit den selbstentwickelten Elektromotoren eine Schwäche: er ist nicht der super-effizienteste.  Zwischen 22 und 25 kWh pendelt sich der Verbrauch pro 100 Kilometer ein, und da sind keine schnellen Autobahnetappen enthalten, die die Zahlen schnell jenseits der 30 kWh treiben. Unter dem Strich pendelte sich somit  im Testzeitraum – während der ersten sehr warmen Frühlingstage – die zur Verfügung stehende Reichweite bei knapp 370 Kilometern ein.

CCS-Laden mit 100 kW Leistung

Im Alltag kommen viele  Autofahrer mit dieser Reichweite über eine ganze Woche. Wer den I-Pace täglich an die heimische Wallbox hängt, muss sich keine Gedanken machen, ob er am nächsten Tag ans Ziel kommt. Allerdings offenbart der Jaguar hier eine weitere Schwäche: An Wechselstrom kann er nur einphasig mit maximal 7,4 kW Leistung geladen werden. Kommt man spätabends mit fast leerer Batterie zu Hause an, dann ist die Batterie am nächsten Morgen noch nicht voll, denn dafür braucht es um die zwölf Stunden. Mit der aktuellen Modellpflege lindert Jaguar dieses Problem. Die neuen Wechselstromlader verarbeiten drei Phasen und laden mit 11 kW. Das reduziert die Zeit für eine Vollladung um rund vier Stunden. Wenn es unterwegs schneller gehen muss, dann verarbeitet der I-Pace an einem CCS-Lader Ladeströme von 100 kW. Somit lässt sich in einer guten halben Stunde der Akkustand wieder von 20 auf 80 Prozent bringen. In diesem Bereich laden die meisten Batteriesysteme am schnellsten und auch am schonendsten.

Neues Infotainmentsystem für den I-Pace

Das Cockpit des Jaguar I-Pace ist geprägt von einem großen zentralen Bildschirm. Die Bedienung des Navigationssystems ist aber, anders als es die Generation Smartphone gewohnt ist, nicht unbedingt intuitiv. An die Menüstrukturen muss man sich erst einmal gewöhnen. Mit der aktuellen Modellpflege erhält der Jaguar ein neues Infotainmentsystem. Der Hersteller verspricht, es sei  so schnell und einfach zu bedienen wie ein Smartphone. Die  Navigation ist selbstlernend, sie findet den kürzesten Weg zur nächstgelegenen freien Ladestation und informiert auch über zu erwartende Ladekosten und -zeiten. Ebenfalls Hand angelegt hat Jaguar bei der Konnektivität: Eine Dual-eSIM mit 4G Datentarif ist fest verbaut, Smartphones können kabellos aufgeladen werden und die Bluetooth-Schnittstelle lässt es zu, dass sich zwei Mobiltelefone parallel anmelden.

Preisliste beginnt bei rund 75.000 Euro

Die Preisliste des Jaguar I-Pace startet derzeit bei 75.352 Euro. Nach Ablauf der Mehrwertsteuersenkung am 31.12.2020 liegt der Preis bei 77.300 Euro.  Für einen Zeitraum von 36 Monaten oder bis zu einer Gesamtfahrleistung von 100.000 Kilometern  sind die Servicekosten schon mit dem Verkaufspreis bezahlt. Beim Testwagen handelte es sich um einen Jaguar I-Pace SE, der inklusive Sonderausstattung (unter anderem Fahrerassistenz-Paket 2, Winter-Paket, Metallic, Panoramadach, 20-Zoll-Doppelspeiche, Sportsitze, DAB+) auf einen Gesamtpreis von 95.010 Euro kam.

Jaguar I-Pace

Technische Daten

Im Auto360.de Test: Jaguar I-Pace

Antrieb, Fahrleistungen und Verbrauch

Motorbauart:  2 Elektromotoren, Permanent erregt (PSM)

Antrieb: AWD

Getriebe: 1-Gang

Leistung in kW/ (PS): 294 (400 PS)

Maximales Drehmoment in Nm: 696 Nm

Beschleunigung 0-100 km/h in s:  4,8

Höchstgeschwindigkeit in km/h: 200

Batteriekapazität in kWh: 90

Stromverbrauch (WLTP) in kWh/100 km:  22,0 bis 24,8

Reichweite (WLTP) in km: 470

Ladestechnik

DC-Ladesystem: CCS

Ladeleistung   in kW: 100

Ladezeit (Schnelllader 0-80 Prozent) in min: 45

Ladezeit  (Wechselstrom 11 kW von 0 auf 100 Prozent) in h:  8:00 h

Abmessungen, Gewichte

Länge/Breite/Höhe  in m: 4,68/2,14/1,57

Leergewicht in kg: 2208

Preis

Listenpreis in Euro inklusive 19 % Mehrwertsteuer: 77.300

Listenpreis in Euro inklusive 16 % Mehrwertsteuer: 75.352

Jaguar I-Pace
Klaus Justen
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