Sieht man sich im Porsche Museum die Entwicklung der Silhouette der nunmehr achten Generation des 911er an, wird einem das Größenwachstum deutlich vor Augen geführt.

Gegenüber dem Modell mit der internen Bezeichnung 991 wuchs der 992, der ab März 2019 zweifelsohne einmal mehr die Märkte erobern wird, um zwei Zentimeter in die Länge und um vier Zentimeter in die Breite. Dafür stampfen aus den turbogeladenen Sechszylinder-Boxer nun die 331 kW (450 PS) des 911 GTS der Vorgängerbaureihe auf die Hinterachse oder im 4S auch auf alle vier Räder.

Fahrmaschine Porsche 911 Carrera S

Valencia Mitte Januar 2019. Während sich im Süden Bayerns die Schneemassen türmen, beginnt in der Umgebung der spanischen Stadt die Orangen-Ernte. Und wir sind in den ausgedehnten Plantagenhainen mit dem neuen Porsche 911 Carrera S unterwegs. Die kurvenreichen Landstraßen sind neben der Moto-GP-Rennstrecke das Terrain, auf dem wir uns den Grenzbereichen des 911ers zumindest ein bisschen nähern wollen.

Morgens um halb neun ist es noch kühl auf dem Circuit Ricardo Tormo. Da heißt es erst einmal die Reifen schon warmfahren, um dann die etwas mehr als 4 Kilometer lange Rennstrecke mit traumhaften Kurven zu umrunden. Der Sport Plus Modus ist unsere erste Wahl, das PSM, also die Stabilitätskontrolle, lassen wir eingeschaltet.

Nach zwei Einführungsrunden lassen wir unseren Porsche 911 Carrera S von der Leine. Die Beschleunigung reißt uns die Mundwinkel waagrecht nach hinten. Die erste Kurve nach der Boxenausfahrt hart anbremsen, die Keramikbremsen verzögern brachial, und am Scheitelpunkt wieder aufs Gas.

Was für eine Präzision. Das Einlenkverhalten ähnelt der des GT3 und die vorne um 45 und hinten um 44 Millimeter breitere Spur führen den neuen 911 Carrera S wie auf Schienen. 20 Zöller vorne, 21 Zöller hinten, diese Pneus füllen die mächtig gewölbten Radhäuser nicht nur perfekt aus, sondern sorgen zudem für den nötigen Grip.

Langsam fahren wir uns in einen Rausch. Auf der langen Start- und Zielgeraden kommen wir deutlich über 230 km/h, die Höchstgeschwindigkeit beträgt übrigens 308 km/h. Runter von der Rennstrecke und raus aufs Land. Was gäben wir nun für freie Fahrt ohne Tempolimit. Einem Go-Kart gleich düsen wir mit unserem 911er über superenge Landstraßen, die sich nach oben und genauso wieder nach unten schlängeln.

Die Mundwinkel ziehen sich immer weiter nach oben und der Fahrspaß steigt mit jeder neuen Kurve ins unermessliche. Mit dem neu entwickelten BiTurbo ist immer Zug auf der Kette, das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe arbeitet im Sport oder Sport-Plus-Modus so exakt, dass manuelle Eingriffe nicht nötig sind.

Der Wet Mode

Nässe und Schnee waren für den Porsche 911 selten ein Problem. Schließlich sorgt die Traktion eines Hecktrieblers für gutes Vorwärtskommen. Mit dem neuen Wet Mode haben die Porsche Entwicklungsingenieure um den langjährigen Baureihenleiter August Achleitner das Rad neu erfunden. Über Sensoren in den Radhäusern wird aufgewirbeltes Spritzwasser oder auch Schnee erkannt und sofort als Warnmeldung im Display angezeigt.

Dann bleibt es aber immer noch dem Fahrer überlassen, ob er über den Wählknopf am Lenkrad in den Wet Mode wechselt. Nach unserer Erfahrung auf einer unter Wasser gesetzten Kurvenstrecke, empfehlen wir diesen Moduswechsel uneingeschränkt.

Bei unserem Test fuhren wir drei Runden im Sport Plus Modus und wurden durch das PSM bei höheren Geschwindigkeiten unsanft eingebremst. Nach dem Wechsel in den Wet Mode hatten wir das Gefühl, als ob die Straße auf einmal trocken wäre. Die deutlich gewonnene Fahrstabilität ließ sofort höhere Geschwindigkeiten zu, die wiederum zu mehr Fahrspaß führten.

Das neue Design

Trotz des Wachstums in alle Richtungen ist auch die achte Generation des Porsche 911 Carrera S unverkennbar. Am Vorderwagen griffen die Designer um Peter Varga, dem Leiter Exterieur Design mit der langgezogenen Kofferraumhaube mit einer markanten Vertiefung vor der Windschutzscheibe auf ein Thema früherer Modelle zurück. Die LED-Scheinwerfer stehen typisch aufrecht und sind fugenlos in die langgezogenen Kotflügel eingepasst.

Bei aller Detailliebe und den traumhaften Maßen sowie einem wundervollen Heck mit durchgängigem LED-Leuchtenband und einer in die senkrecht stehenden Kühllamellen integrierten dritten Bremsleuchte gibt es doch zwei wesentliche Kritikpunkte.

Das sind erstens die versenkten Türgriffe.  Bei Berührung fahren diese zwar etwas aus, aber lange Fingernägel der großen Zahl Porsche 911 fahrender Damen werden wohl etwas leiden müssen. Außerdem wird die Elektronik über kurz oder lang anfällig werden und der 911er sinnloserweise in der Werkstatt stehen. Klassische Bügelgriffen wären dagegen ein Traum.

Zweitens haben wir uns über den filigranen Wahlhebel des DSG gewundert. In seiner zerbrechlich wirkenden Form erinnert er uns an das Gegenstück beim Toyota Prius. Ein bisschen mehr zum Anfassen wie ehemals würde einem Sportwagen dieser Couleur besser zu Gesicht stehen.

Äußerst gelungen finden wir das horizontal angelegte Armaturenbrett mit einem 10,9 Zoll großen Touchscreen, der unter anderem die serienmäßig und Schwarmdaten-basierte Online-Navigation beherbergt.

Im Blickfeld des Fahrers ist zentral der analoge Drehzahlmesser untergebracht. Eh das einzig wichtige Instrument für den ultimativen Fahrspaß. Links und rechts davon sind jeweils zwei digitale Informationsdisplays installiert.

Ausstattungsfeatures

Es heißt tief in die Taschen greifen, will man sich den ab März 2019 erhältlichen Porsche 911 Carrera S in die Garage stellen. In Deutschland startet er bei 120.125 Euro, die Allradversion 4S liegt bei 127.979 Euro. Die Cabrio-Versionen sind ab 134.405 respektive 142.259 Euro zu bekommen.

Das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe PDK ist genauso serienmäßig wie der Wet Mode sowie die LED-Hauptscheinwerfer. Für mehr Lichtausbeute empfehlen wir allerdings die komplett neu entwickelten Matrix-LED-Leuchten.

Zum Serienumfang gehören zudem der Kamerabasierte Warn- und Bremsassistent. der Fahrzeuge, Fußgänger und Radfahrer erkennt und gegebenenfalls eine Notbremsung einleitet.

Bis spätestens Mitte des Jahres kommt der klassische Carrera als Einstiegsversion mit 385 PS dazu. Danach folgen GTS, Targa und selbstverständlich der Turbo.

Fazit

Nach so viel Schwärmerei und den selbst erlebten fantastischen Fahrerlebnissen kann es fast nur eine Eins mit Stern für den neuen Porsche 911 Carrera S geben. Über zwei Details haben wir zwar gemotzt, aber diese sind zu verschmerzen. Denn der ursprüngliche Kern des 911er ist auch in der achten Generation bestens verankert. Da sehen wir auch über Mehrgewicht von 55 Kilogramm gegenüber dem Vorgänger und den größer gewordenen Außenmaßen geflissentlich hinweg.

Technische Daten

Im Auto360.de Test: Porsche Carrera 911 GTS

Antrieb, Fahrleistungen und Verbrauch

Motor: 6-Zylinder-BiTurbo-Boxer-Benziner

Getriebe: Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe PDK

Hubraum in ccm: 2.981

Leistung in kW (PS) bei U/min: 331 (450)/6.500

Maximales Drehmoment in Nm bei U/min: 530/2.300 – 5.000

Beschleunigung 0–100 km/h in s: 3,5 mit Sport Plus

Höchstgeschwindigkeit in km/h: 308

Tankinhalt in l: 64 (optional 90)

Kraftstoffverbrauch kombiniert in l/100 km: 8,9

CO2-Emission kombiniert in g/km: 205

Abmessungen, Gewichte, Bereifung

Länge/Breite/Höhe in mm: 4.519/1.852/1.300

Radstand in mm: 2.450

Leergewicht (inklusive Fahrer) in kg: 1.515

Zulässiges Gesamtgewicht in kg: 1.985

Kofferrauminhalt in l: 132 vorne

Bereifung: 245/35 R20 vorne, 305/30 ZR 20 hinten

Felgen: 8,5 x 20″ vorne,  11,5 x 21″ hinten Leichtmetall

Preis

Listenpreis in Euro inklusive Mehrwertsteuer: 120.125

 

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka wurde bereits als Kleinkind vom automobilen Virus befallen. Seine ersten journalistischen Sporen verdiente er sich als 15-jähriger. Für die Nordbayerischen Nachrichten berichtete er über Eishockey und Musik-Events in seiner Heimatstadt Pegnitz. Mit 17 nahm er als Beifahrer in Rallyeautos Platz und ein Jahr später wechselte er die Perspektive und fuhr selbst einen heißen Reifen. Im Jahr 2000 wandelte er seine Leidenschaft für Automobile in einen erfüllenden Beruf um. Unter anderem ist er als freier Autor für Grip, Träume Wagen, Autohaus, wiwo.de, ramp und den Finanzenverlag (BÖRSE ONLINE, EURO, Euro am Sonntag) tätig.
Dietmar Stanka