Mit dem Porsche Taycan setzt der Zuffenhausener Sportwagenhersteller ein Ausrufezeichen. Wer auf den Sound eines Sechszylinder-Boxermotors verzichten kann, ist mit dem mehr als 600 PS starken Elektrosportler spürbar dynamischer unterwegs als mit Panamera oder Neun-Elfer. Voraussetzung: eine gehörige Portion Kleingeld auf dem Konto. Aber das ist bei Porsche ja nicht unbedingt neu.

Der Porsche Taycan als erstes rein elektrisch angetriebenes Serienmodell spaltet die Porsche-Fangemeinde. Zwischen Begeisterung über den elektrischen Gran Turismo und abgrundtiefer Verachtung der Verbrenner-Fraktion schlägt das Pendel weit aus.

Wenn man die reine Lehre oder gar Ideologie einmal beiseite lässt, liefert Porsche mit dem Taycan ein Fahrzeug ab, das überzeugt – und zum Umstieg auf batterie-elektrischen Antrieb verleiten könnte.  Nach den ersten Fahrkilometern mit dem Taycan Turbo S bleibt nämlich nur ein Fazit: Verbrenner-Sound wird überbewertet. Im Nachbarland Schweiz, für den Sportwagenhersteller in Zentraleuropa ein nicht ganz unbedeutender Markt, geht man zum Beispiel davon aus, dass der Porsche Taycan bald eines der bestverkauften Modelle wird. „Wir rechnen damit, dass der Taycan neben dem Macan der Topseller sein wird“, sagt Michael Glinski, Geschäftsführer von Porsche Schweiz.

Leistung im Überfluss im Porsche Taycan Turbo S

An den Start geht der Porsche Taycan mit den beiden Spitzenmodellen: Als Turbo S  mit 625 PS, die sich via Lounge Control beim Beschleunigen aus dem Stand auf bis zu 761 PS boosten lassen. Und als Turbo (bis zu 680 PS und 850 Nm Drehmoment). Das ist Leistung im Überfluss und vor allem Drehmoment, das einem beim ersten Streicheln des Fahrpedals ins Kreuz haut. Braucht man in der Intensität und in dem Überfluss nicht. Aber die beiden Modelle mit dem Turbo im Namen sind  die Duftmarke, die der deutsche Hersteller jetzt einmal setzen muss, um auf Dauer Tesla den Platz an der Sonne streitig machen zu können. Das Wort Turbo im Modellnamen, betont Porsche, dient nicht als Beschreibung einer nicht vorhandenen Ladertechnik – sondern als Synonym für die Leistungsklasse, in der die beiden Startversionen des Taycan spielen.

Inzwischen hat Porsche neben dem Turbo S, der mit ein paar Ausstattungsoptionen auch leicht über 200.000 Euro kosten kann, das aktuelle Einstiegsmodell Porsche Taycan 4S angekündigt, das ab Januar 2020 ausgeliefert wird. Es leistet in der Spitze bis zu 571 PS und wird mit zwei Batteriegrößen angeboten. Mit 80 Kilowattstunden Kapazität und bis zu 530 PS kostet der Taycan knapp 106.000 Euro. Mit der Performance-Plus-Batterie, die wie im Turbo S 93,4 kWh Strom speichert,  sind es bis zu 571 PS. Diese Variante kostet rund 6500 Euro mehr. Noch wird spekuliert, welche Leistungsdaten das im Laufe des kommenden Jahres folgende Einstiegsmodell des Porsche Taycan haben wird – der Preis dürfte knapp über 80.000 Euro starten.

Erste Ausfahrt bei striktem Tempolimit

Die ersten Fahrkilometer mit dem knapp fünf Meter langen Taycan konnten jedoch – ausgerechnet, möchte man sagen –  in Norwegen und Schweden absolviert werden.  Tempolimits bei höchstens 110 km/h, rigide Geldbußen – traut sich Porsche mit dem Taycan nicht auf die deutsche Autobahn? Traute sich Porsche im weiteren Verlauf der Fahrpräsentation, die durch halb Europa führte, durchaus.

Was der Taycan kann, ließ sich ansatzweise aber auch auf engen und hügeligen Straßen in Skandinavien erfahren. Fahrspaß hat ja nicht unbedingt mit Tempo zu tun. Und das brachiale Beschleunigungstalent, die hohe Fahrdynamik in engen Kurvenkombinationen, die Standfestigkeit des Antriebssystems und die hohe Alltagstauglichkeit  – die stellte der Taycan auch bei Landstraßentempo unter Beweis.

Freunde des gepflegten Boxermotors müssen jetzt ganz tapfer sein: Was der Taycan mit dem ersten Druck aufs Fahrpedal an Power und daraus resultierender Beschleunigung auf den Asphalt  bringt, das ist schlicht atemberaubend. 2,8 Sekunden stehen für den Sprint von null auf 100 im Leistungsausweis. Ein akademischer Wert im Alltag, keine Frage. Ein Elektromotor auf der Vorderachse und einer hinten sorgen für diesen unmittelbar einsetzenden Vortrieb, und  vorbei ist der Vorwärtsdrang  erst dann, wenn die 260-km/h-Marke erreicht ist. Das ließ sich in Skandinavien aus verständlichen Gründen nicht testen. Damit dieser weite Geschwindigkeitsbereich halbwegs effizient zu bewirtschaften ist, setzt Porsche im Gegensatz zu anderen Herstellern nicht nur ein 1-Gang-Getriebe zur Kraftübertragung ein, sondern hat an der Hinterachse einen 2-Gang-Automaten verbaut. Der wechselt bei rund 100 km/h unmerklich in die obere Übersetzungsstufe und ermöglicht so das hohe Spitzentempo.

Tieferer Schwerpunkt als im 911

Die Energie für den sportlichen Vortrieb kommt aus den im Unterboden verbauten Lithium-Ionen-Akkus, die erheblich dazu beitragen, dass der Taycan rund 2,3 Tonnen Gewicht auf die Waage bringt. Gleichzeitig sorgen sie auch dafür, dass der Schwerpunkt niedriger liegt als beim 911. 93,4 Kilowattstunden Speicherkapazität ergeben nach WLTP eine Reichweite von bis zu 412 Kilometern für den Turbo S. Beim Turbo sind es schon knapp 40 Kilometer mehr im Normzyklus. Wenn man dem Taycan, so die Erfahrungen nach mehr als 300 Kilometern Fahrstrecke, einiges an Leistung abverlangt (außer im Highspeed-Bereich), liegt er bei einem Verbrauch von 24 kWh pro 100 Kilometer. Das ist nicht wenig, aber angesichts der gebotenen Fahrleistungen mehr als nur akzeptabel. Damit sind mit dem Turbo S Strecken von 350 Kilometern und mehr in einem Rutsch zu schaffen.

Vier Fahrprogramme stehen im Porsche Taycan zur Wahl

Der Fahrer kann sich dabei auf eine sehr genaue Reichweitenangabe im Cockpit verlassen. Die Berechnung der Wegstreckegreift nicht nur auf Parameter wie Ladestand, Außentemperatur, Fahrgeschwindigkeit oder Systemtemperatur zurück. Sondern auch auf gespeicherte Werte des Fahrerprofils sowie die geographischen Daten der Fahrtroute – vorausgesetzt, die Navigation ist aktiviert. Durch die Wahl eines von vier Fahrprogrammen zwischen Sport Plus, Sport, Normal und Range kann man die Reichweite  optimieren. Während der Taycan im Normalfall weiter „segelt“, wenn man den Fuß vom Gas nimmt, wird im Range-Modus durch fühlbare Rekuperation das Fahrzeug verzögert und gewinnt dabei elektrische Energie zurück. Auf das in vielen Elektrofahrzeugen mögliche One-Pedal-Driving, bei dem man das Auto über den rechten Fuß beschleunigt und verzögert, verzichtet Porsche bewusst.

Beim Einschalten des Sport-Plus-Programms aktiviert sich überdies der Electric Sport Sound: Ein von einem Soundgenerator erzeugtes dezentes Brummen, das innen wie außen zu hören ist und dem Motorgeräusch eine Spur mehr Bass gibt. Der Sport Sound kann auch in den anderen Fahrprogrammen manuell geschaltet werden und ist weit weg davon, aufdringlich zu sein. Das Hauptgeräusch, das ansonsten zu den Passagieren durchdringt, ist das Abrollen der Reifen.

 

Schnelles Laden mit bis zu 270 kW

Zur Gesamtperformance  gehört aber auch die Ladegeschwindigkeit, wie Entwicklungsvorstand Michael Steiner betonte. An Schnellladesäulen kann der Taycan unter optimalen Bedingungen mit bis zu 270 kW «betankt» werden, bei frischen Temperaturen in Nordschweden waren es immerhin noch 230 kW. In fünf bis sechs Minuten lassen sich somit 100 Kilometer Reichweite nachladen, in nicht einmal 25 Minuten sind die Akkus von 5 auf 80 Prozent Kapazität nachgeladen.

Das Interieur des Taycan setzt sich deutlich ab von 911 und Panamera. Ein knapp 11 Zoll grosses Info-Display dominiert das Armaturenbrett, optional lässt sich ein gleichgroßes für den Beifahrer in das Glasband in Black-Panel-Technik integrieren.  Der Startknopf für das elektrische System ist links neben dem Lenkrad untergebracht, die Zahl der Schalter und Knöpfe ist deutlich reduziert.

Der Taycan Turbo kostet  ab 152.136  Euro, für den  Turbo S berechnet Porsche mindestens 185.456 Euro, der Taycan 4S wird ab 105.607 Euro kosten

Technische Daten

Im Auto360.de Test: Porsche Taycan Turbo S

Antrieb, Fahrleistungen und Verbrauch

Motorbauart:  2 Elektromotoren, Permanent erregt (PSM)

Antrieb: AWD (je ein Elektromotor an Vorder- und Hinterachse)

Getriebe: Vorderachse 1-Gang, Hinterachse 2-Gang

Leistung in kW/ (PS): 460 (625 PS) (Overboost: 560 kW/761 PS)

Maximales Drehmoment in Nm: 1050 Nm

Beschleunigung 0-100 km/h in s:  2,8

Höchstgeschwindigkeit in km/h: 260

Batteriekapazität in kWh: 93,4

Bordnetz  in Volt:  800

Stromverbrauch (WLTP) in kWh/100 km:  25,7

Ladestechnik

DC-Ladesystem: CCS

Ladeleistung   in kW: 270

Ladezeit (Schnelllader): 5:30 min für 100 km Reichweite

Ladezeit  (Wechselstrom 11 kW):  9:00 h (0 auf 100 %)

Abmessungen, Gewichte

Länge/Breite/Höhe  in m:                          4,96/1,96/1,38

Leergewicht in kg: 2295

Preis

Listenpreis in Euro inklusive Mehrwertsteuer: 185.456

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Klaus Justen

Journalist bei Textpool
Klaus Justen hat langjährige Erfahrung in der Automobilbranche und in der Konzeption und Produktion von Print- und Onlinemedien. Er war als Leitender Redakteur bei Automagazinen in der Schweiz und Deutschland tätig und ist Autor für Print- und Onlinemagazine. Spezialgebiet sind neben Auto- und Technikthemen Ratgeberbeiträge rund ums Thema Geld und Auto.
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