Der VW Passat ist ein Klassiker in jedem Fuhrpark – und gilt als nützlicher Langweiler. Kann der Hybrid „GTE“ diesen Ruf korrigieren?

Gastbeitrag von Driven Luxury Cars

„Langweiler“, „Vertreterkutsche“, usw. – die gängigen Klischees über Volkswagens Mittelklasse-Schiff sind wohl jedem hinlänglich bekannt und sollen in diesem Test nicht weiter zur Sprache kommen. Nur so viel: natürlich ist auch der VW Passat GTE eher ein gediegener Vertreter (!) der gehobenen Mittelklasse.

Hat man sich damit erst mal abgefunden und hinterm Steuer Platz genommen, beginnt man die inneren Werte des Wolfsburger Leisetreters zu entdecken. Und da verliebt man sich doch glatt auf zweiten Blick! Alles passt, alles sitzt: Unübertroffener Komfort und eine Extraportion Technik überzeugen auch den skeptischsten Zweifler. Verlässlichkeit zum Verlieben eben. Aber muss es unbedingt gleich der deutliche teurere Hybrid sein?

Der Passat GTE im Test: Wie fährt sich moderne Mittelklasse 2016?

Aber wenn wir gerade dabei sind: War da nicht noch ein zweites Klischee, das den sogenannten „Vertreterkutschen“ seit jeher anhaftet? Richtig: normalerweise tickt unter der Haube der Mittelklasse vorzugsweise der gute, alte Dieselmotor. Klar: wer viel unterwegs ist, der weiß einen sparsamen Verbrauch um die 6 Liter meist zu sehr zu schätzen.

Klar ist aber auch: Nach den Skandalen der letzten Jahre hat der Ruf des gerade in Deutschland eigentlich unverwüstlichen Selbstzünders nicht nur einen kleinen Kratzer erhalten. Anderswo auf der Welt ist man sogar noch schlechter auf ihn zu sprechen und auch auf dem Pariser Autosalon kam ihm allenfalls noch eine Nebenrolle zu. Ist die Zeit also reif, die Volumenstarke Mittelklasse an die Streckdose zu bringen? Es sieht ganz so aus!

Der VW Passat GTE: Technische Daten und Ladezeit

Die Kraft der zwei Herzen steckt nicht nur in Omas hochprozentigem Energietonikum, sondern auch unter der Motorhaube des VW Passat GTE: dort tut ein 1,4-Liter-Turbobenziner mit 115 kW/156 PS seinen Dienst, der es in Kombination mit dem 85 kW/115-PS-Elektromotor insgesamt auf eine Systemleistung von 160 kW/219 PS bringt. 225 km/h sind damit im Hybrid-Modus maximal drin. Allerdings kann man sich auch allein auf den Elektromotor verlassen. Auf dem Papier kommt man damit immerhin 50 Kilometer weit, was allerdings einen äußerst behutsamen Fahrstil voraussetzt. Trotzdem: Viele Pendler sollten damit über die Runden – beziehungsweise zur Arbeit und zurück – kommen.

Vorausgesetzt natürlich, es ist in der heimischen Garage eine Lademöglichkeit vorhanden. Sonst bleibt nur die Fahrt zu einer Ladestation (beispielsweise beim Discounter „Aldi“) – nicht unbedingt praktikabel für den täglichen Einsatz. Zumal sich bei einer Ladezeit von bis zu vier Stunden schon mal ein bis zwei Großeinkäufe unternehmen ließen.

Aber auch im Hybrid-Modus ist der Wolfsburger nicht anspruchsvoll: nur 1,6 Liter verbraucht der VW Passat GTE – allerdings nur auf den ersten 100 Kilometern. Klar: wer den GTE nicht regelmäßig mit „Saft“ versorgt, der darf bei leerem Akku mit ca. 6 Litern Super kalkulieren. Ähnliches gilt für den von Auto360.de getesteten Volkswagen Golf GTE.

Der Passat GTE: Beschleunigung, die auf Touren bringt

Wer im Elektro-Modus den Startknopf betätigt der hört jedenfalls erst mal, genau, so gut wie nichts. Außerdem beweist der VW Passat GTE vollelektrisch einen überraschenden Durchzug und zeigt, dass er sich offenbar fest vorgenommen hat, das leidige Vertreter-Image abzuschütteln. Bis Tempo 130 lässt sich dieses Spiel treiben, bis sich der Verbrenner zuschaltet und die Reise im Hybridmodus weitergeht. Wer sich gleich von vornherein dafür entscheidet, überlässt dem Wagen selbst die Wahl, welche Antriebsart er gerade als passend erachtet – lockeres Cruisen im E-Modus, Muskelspiel bei vehementerer Beschleunigung.

Bleibt der „GTE-Modus“: Hier kommt der Passat dann richtig auf Touren: beide Antriebe schicken in Kombination 400 Nm Drehmoment aufs Getriebe. In zügigen 7,9 Sekunden sind die 100 km/h damit erreicht. Maximal schafft der Passat damit achtbare 222 km/h.

Übrigens ist der Wendekreis des 4,7-Meter-Schiffs zumindest gewöhnungsbedürftig. Aber wofür gibt es schließlich das ausgezeichnete Parkassistenzsystem?

VW Passat GTE: Ausstattung, die begeistert

Im Inneren geht es Passat-gewohnt komfortabel zu: Auch hochgewachsene Insassen dürfen sich – gerade im hier getesteten Variant-Modell – über ausreichende Beinfreiheit freuen. Auch sonst sitzt und stimmt im Innenraum alles wunderbar. Die Rücksitze lassen sich wie gewohnt umklappen, wenn mal größere Gegenstände transportiert werden sollen. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist das um ganze 167 Liter gesunkene Kofferraumvolumen – was übrigens den im Unterboden versenkten Akkus geschuldet ist (Von 650 auf 483 l).

Das Virtual-Cockpit (bekannt aus Audi A4 und TT) macht ebenfalls mächtig Eindruck: Hier lässt sich jede erdenkliche Information auf die Scheibe projizieren – was sich recht schnell als durchaus nützlich erweist, auch wenn man es erst als bloße Spielerei abtun will.

VW Passat GTE: Nützlichkeit um jeden Preis?

Auch fürs Auge ist durchaus etwas geboten. Klar: auch weiterhin dominiert die Passat-typische, vom Utilitarismus bestimmte Formsprache. Aber die Front kommt beim GTE durchaus etwas aggressiver und spritziger daher. Die blaue Querstange am Kühlergrill ist sozusagen das Erkennungszeichen der GTE-Reihe und darf natürlich auch hier nicht fehlen, ebenfalls blaue Bremssättel runden das Bild harmonisch ab. Ein schickes und außerdem GTE-exklusives Tagfahrlicht gibt’s obendrauf.

Fazit zum Passat GTE: Lohnt der Kauf?

Ganz klar: Ein echter Deal ist der VW Passat GTE mit seinen 45 250 Euro Basispreis nicht wirklich. Und sparsam ist er auch nur dann, wenn man ihn konsequent und bei jeder Gelegenheit nachlädt. Ein bisschen haftet dem Plug-in-Hybriden eben immer der Makel der Zwischenlösung an, bis endlich bezahlbare Elektroautos mit akzeptabler Reichweite auf den Markt kommen. Volkswagen arbeitet ja selbst bereits mit Hochdruck an solchen Fahrzeugen. Langstrecken-Vielfahrer kommen derzeit ohne jeden Zweifel mit dem Diesel günstiger weg. Man muss also bereit sein, sich das grüne Gewissen auch etwas kosten zu lassen.

Wer ein bisschen Geld übrig hat, macht mit dem GTE aber sicher nichts falsch: Der Passat-Hybrid ist einfach ein sehr gelungenes, hochwertiges Auto, das fast keine Wünsche offenlässt und fast schon Premium-Glanz in der Mittelklasse verströmt. Vertreter müsste man sein!

Technische Daten

Im Auto360.de Test: VW Passat GTE

Antrieb, Fahrleistungen und Verbrauch

Motor: 4-Zylinder-Benziner

Getriebe: 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe DSG

Hubraum in ccm: 1.395

Leistung in kW (PS) bei U/min: 115 (156)/5.000 – 6.000

Maximales Drehmoment in Nm bei U/min: 250/1.500 bis 3.500

Leistung Elektromotor in kW (PS) bei U/min: 85 (115)2.500

Systemleistung in kW (PS) 160 (218)

Nenndrehmoment Systemleistung in Nm: 400

Beschleunigung 0-100 km/h in s: 7,6

Höchstgeschwindigkeit in km/h: 225

Tankinhalt: 50 l

Batteriekapazität in kWh: 8,7

Ladedauer an AC 2,3 kW: 3 h 45 min

Kraftstoffverbrauch Kombinierter Verkehr: 1,8 l auf 100 km

Stromverbrauch: 12 kWh auf 100 km

CO2-Emission kombiniert in g/km: 40

Abmessungen, Gewichte, Bereifung

Länge/Breite/Höhe in mm: 4.767/1.832/1.516

Radstand in mm: 2.786

Leergewicht (inklusive Fahrer) in kg: 1.735

Zulässiges Gesamtgewicht in kg: 2.250

Kofferrauminhalt in l: 483 – 1.613

Bereifung: 215/55 R 17

Felgen: 7 x 17″ Leichtmetall

Preis

Listenpreis in Euro inklusive Mehrwertsteuer: 45.250 Euro

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka wurde bereits als Kleinkind vom automobilen Virus befallen. Seine ersten journalistischen Sporen verdiente er sich als 15-jähriger. Für die Nordbayerischen Nachrichten berichtete er über Eishockey und Musik-Events in seiner Heimatstadt Pegnitz. Mit 17 nahm er als Beifahrer in Rallyeautos Platz und ein Jahr später wechselte er die Perspektive und fuhr selbst einen heißen Reifen. Im Jahr 2000 wandelte er seine Leidenschaft für Automobile in einen erfüllenden Beruf um. Unter anderem ist er als freier Autor für Grip, Träume Wagen, Autohaus, wiwo.de, ramp und den Finanzenverlag (BÖRSE ONLINE, EURO, Euro am Sonntag) tätig.
Dietmar Stanka