Die Zahl der Wildunfälle steigt. Vor allem in der dunklen Jahreszeit ist das Risiko hoch. Grundregel für Autofahrer in Waldgebieten: Tempo runter.

Mehr als ein Dutzend tote und fast 3000 verletzte Autofahrer sind jedes Jahr nach Wildunfällen auf deutschen Straßen zu beklagen. Die Statistik weist dabei im letzten komplett erfassten Jahr 2016 einen spürbaren Anstieg auf fast 230.000 Wildunfälle aus. Experten schätzen den Schaden an Fahrzeugen auf rund eine halbe Milliarde Euro.

Fahren in der Dämmerung oder in der Nacht: Hohes Risiko für Wildunfälle

Besonders hoch ist das Risiko eines Wildunfalls im Herbst und Winter. Die Tage sind kurz, immer mehr Fahrtkilometer werden in Dämmerung und Dunkelheit zurückgelegt, der Berufsverkehr setzt schon bei Dämmerung ein – zu der Zeit, wenn Rehe und Hirsche ihr Revier wechseln, um etwas Fressbares zu finden. Dabei überqueren sie unvermittelt die Straßen. Was das Risiko erhöht: Gleichzeitig ist Brunftzeit.

Besonders gefährlich sind Übergangsbereiche zwischen Wald und Feld, denn hier wechselt das Wild von seinen Rückzugsgebieten auf die abgeernteten Äcker. Risikogebiet sind auch neue Straßen, die durch Waldgebiete führen. Das Wild hält die gewohnten Wechsel bei, ohne auf die neue Asphaltpiste zu achten.

Im Wald muss man immer mit querenden Wildtieren rechnen

Um Wildunfälle zu vermeiden, sollte man Wildwechsel-Schilder ernst nehmen und das Tempo verringern. Wildtiere registrieren ein herannahendes Auto nur dann als Gefahr, wenn es maximal mit Tempo 70 unterwegs ist. Alles was schneller ist, fällt durchs Wahrnehmungsraster. Mit Wildwechsel muss man nicht nur dort rechnen, wo Schilder stehen, sondern immer, wenn man durch einen Wald fährt, hat etwa das Landgericht Coburg entschieden.

Grundregel Nummer eins in Waldgebieten heißt also: Tempo reduzieren. Das verringert nicht nur die Gefahr eines Unfalls an sich, sondern auch die Folgen, wenn es denn zu einer Kollision kommt – ein 20 Kilogramm schweres Reh, das mit Tempo 100 gerammt wird, schlägt nach Angaben des Deutschen Jagdverbands (DJV) mit rund einer halbe Tonne in das Fahrzeug ein. Der DJV empfiehlt außerdem, bei Dunkelheit in bewaldeten Gegenden mit Fernlicht zu fahren, wann immer das möglich ist, um eine möglichst große Strecke überblicken zu können. Außerdem wirken die Augen der Tiere so wie Rückstrahler und sind so für den Autofahrer früher zu erkennen.

Achtung: Ein Tier kommt selten allein

Allerdings lauert die größte Gefahr immer unmittelbar vor dem Fahrzeug. In 80 Prozent der Fälle laufe Wild maximal 20 Meter vor dem Auto über die Straße. Taucht Wild im Scheinwerferlicht auf, empfehlen die Experten, sofort abzublenden, zu bremsen und zu hupen, um das Wild zum Rückzug in den Wald zu bewegen. Abblenden deshalb, weil die Augen der Wildtiere deutlich lichtempfindlicher sind als die der Menschen. „Das Fernlicht blendet und macht orientierungslos“, so der DJV. Rennt ein einzelnes Tier auf die Straße, heißt es besonders vorsichtig zu sein: Ein Tier kommt selten allein, sondern der Rest des Rudels hinterher. Besonders groß ist diese Gefahr bei Wildschweinen, denn die Rotten genannten Gruppen umfassen oft bis zu 20 Tiere.

Lässt sich ein Zusammenprall mit Wild nicht vermeiden, gibt es nur eine Möglichkeit: So stark wie möglich bremsen. Auf keinen Fall sollte man versuchen, dem Tier auszuweichen, denn bei solchen Ausweichmanövern gerät das Fahrzeug fast immer ins Schleudern.

Unfallstelle absichern, bei verletzten Tieren den Fluchtweg markieren

Nach einem Unfall ist es wichtig, die Unfallstelle abzusichern (Warnblinkanlage sowie Warndreieck in ausreichender Entfernung, also mindestens 50 bis 100 Meter) und das tote Tier an den Randstreifen zu schaffen. Um sich nicht einer möglichen Ansteckungsgefahr durch Tollwut auszusetzen, sollte das Tier nicht mit bloßen Händen angefasst werden. Wurde das Wildtier verletzt, empfehlen die Jagdexperten, sich von ihm fernzuhalten. Ist das angefahrene Tier in den Wald geflüchtet, sollte man die Stelle markieren; der Jagdpächter kann dann mit seinem Hund auf die Suche gehen. Was man auf keinen Fall tun sollte: Das tote Reh einfach in den Kofferraum packen und mitnehmen. Das ist Wilderei und somit strafbar.

Am besten ist es, die Polizei zu verständigen. Die informiert gleich den zuständigen Förster oder Jagdpächter. Die Polizei oder der Jäger stellt vor Ort eine Wildunfallbescheinigung aus, die als Nachweis bei der Versicherung dient. Für Wildunfälle (Haarwild) zahlt nämlich die Teilkaskoversicherung, die die meisten Autobesitzer für ihr Fahrzeug abgeschlossen haben – allerdings nicht in jedem Fall. Nur dann, wenn es zur Kollision kommt, kann der Autofahrer sicher sein, dass sein Schaden übernommen wird.

 

Foto: Rainer Sturm/pixelio

Klaus Justen
Folgen Sie

Klaus Justen

Journalist bei Textpool
Klaus Justen hat langjährige Erfahrung in der Automobilbranche und in der Konzeption und Produktion von Print- und Onlinemedien. Er war als Leitender Redakteur bei Automagazinen in der Schweiz und Deutschland tätig und ist Autor für Print- und Onlinemagazine. Spezialgebiet sind neben Auto- und Technikthemen Ratgeberbeiträge rund ums Thema Geld und Auto.
Klaus Justen
Folgen Sie