Der seit dem 1. September 2017 geltende neue Standard für die Abgasmessung von Kraftfahrzeugen, WLTP (Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure), war Gegenstand eines Technik-Workshops bei Volkswagen in Wolfsburg. Das im Gegensatz zum seit 1992 gültigen NEFZ wesentliche umfangreichere und realistischere Verfahren führt zu deutlich praxisnäheren Verbrauchswerten.

NEFZ versus WLTP

Die Änderungen sind gravierend. Während beim bis 31. August 2017 gültigen Neuen Europäischen Fahrzyklus nur 10.966 Meter zurückgelegt wurde und die durchschnittliche Geschwindigkeit bei 33,6 km/h lag, sehen die Werte beim WLTP ganz anders aus. Auf dem Prüfstand werden 23.274 Meter gefahren und die durchschnittlich mit einer Geschwindigkeit von 46,5 km/h. Zudem wird die zu fahrende Höchstgeschwindigkeit von 120 auf 132 km/h erhöht.

WLTP?

Der neue Prüfstandard basiert auf realen Fahrdaten, die in 14 Ländern erhoben wurden. Die Gesetzgebung wurde von den Vereinten Nationen entwickelt und von den Mitgliedsländern wie beispielsweise der gesamten EU übernommen. Neben den oben genannten Änderungen sind noch weitere Maßnahmen ergriffen worden, um die Verbrauchswerte so realistisch wie möglich zu messen.

So werden ausstattungsspezifische Details wie die Aerodynamik, der Reifenrollwiderstand und das Fahrzeuggewicht herangezogen. Im Einzelfall bedeutet dies, dass ein Modell mit den geringsten sowie den höchsten dieser Werte gemessen wird. Mittels Interpolation werden nun die Werte aller anderen Modelle mit ihren jeweiligen Features ermittelt.

Verbrauch und CO2

Im Prospekt oder auf der Preisliste werden nur der niedrigste und der höchste Wert erwähnt. Wird das Wunschfahrzeug individuell konfiguriert, steht am Ende dieses Vorgangs der exakte Verbrauchs- und CO2-Wert. So kann es passieren, das ein und dasselbe Modell, nehmen wir als Beispiel einen Golf in der Basisausstattung, unterschiedliche Werte erzielt.

Ohne Extras erreicht dieser Golf nach NEFZ 105 Gramm CO2-Ausstoss pro Kilometer und laut WLTP 117 Gramm. Sind ein Schiebedach und 17-Zoll-Felgen verbaut steigt der Wert laut WLTP auf 121 Gramm und die jährliche Kfz-Steuer verändert sich von 74 auf 82 Euro. Werden dann noch Ledersitze, eine Anhängerkupplung, 18-Zoll-Felgen und die R-Line-Ausstattung bestellt, steigt der CO2-Wert auf 125 Gramm und die Steuer auf 90 Euro im Jahr. Nach dem alten Messverfahren NEFZ hätte sich die 105 Gramm CO2 nicht geändert.

Während der reale Verbrauch selbstverständlich gegenüber dem alten Messverfahren gleich bleibt, fasst der Staat dem Verbraucher in die Tasche. Künftig kann es also zu einem wilden Geschachere bei der Konfiguration eines neuen Automobils kommen. Ein Trick sei aber verraten. Man kann sich die dicken Felgen oder die Anhängerkupplung auch nachträglich montieren lassen. Solche Nachrüstungen werden nicht berücksichtigt.

Real Driving Emissions

Neben dem WLTP-Verfahren müssen neue Fahrzeuge  auch unter dem Aspekt der Real Driving Emissions (RDE) geprüft werden. Während auf dem Prüfstand immer gleiche Bedingungen herrschen, wird mit diesem Zyklus ein Temperaturbereich zwischen minus sieben und plus 35 Grad abgedeckt und das Fahrzeug ist mit bis 90 Prozent der möglichen Zuladung beladen.

Zusätzlich bewegt sich die Dauer der Fahrt zwischen 90 und 120 Minuten und die Streckenführung ist komplett beliebig. Das Ergebnis der RDE-Messfahrt darf dann nicht mehr als das 2,1-fache des WLTP-Verfahrens betragen. Um Objektivität zu gewährleisten, werden 50 Prozent der Messfahrten von externen Dienstleistern wie dem TÜV oder der Dekra durchgeführt.

Fazit

Für den Verbraucher ändert sich nix, oder? Im Prinzip nein, wären da nicht die eventuell höheren Steuern aufgrund der gewählten Ausstattung. Zudem ändert sich von Grund auf die Wahrnehmung der wesentlich realistischeren Verbrauchswerte laut der Herstellerangaben. Man kann sich jetzt ein bisschen sicherer sein, diese Werte auch im täglichen Leben problemlos zu erreichen.

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka

Dietmar Stanka wurde bereits als Kleinkind vom automobilen Virus befallen. Seine ersten journalistischen Sporen verdiente er sich als 15-jähriger. Für die Nordbayerischen Nachrichten berichtete er über Eishockey und Musik-Events in seiner Heimatstadt Pegnitz. Mit 17 nahm er als Beifahrer in Rallyeautos Platz und ein Jahr später wechselte er die Perspektive und fuhr selbst einen heißen Reifen. Im Jahr 2000 wandelte er seine Leidenschaft für Automobile in einen erfüllenden Beruf um. Unter anderem ist er als freier Autor für Grip, Träume Wagen, Autohaus, wiwo.de, ramp und den Finanzenverlag (BÖRSE ONLINE, EURO, Euro am Sonntag) tätig.
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